Sonne & Selbstbestimmung

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Vom 19. auf den 20. Juni war ich zu einer Feier anlässlich der anstehenden Sonnenwende eingeladen. Im Licht von untergehender Sonne und Fackelschein habe ich folgende Rede gehalten:

 

Ich möchte euch anlässlich der Sommersonnenwende am 21. Juni einfach mal erzählen, was die Sonne für mich symbolisiert. Das ist mir ein Herzensanliegen, da ich finde, dass wir insbesondere seit Beginn der Plandemie in ziemlich finsteren Zeiten leben. Sonne und Selbstbestimmung, das ist der Weg raus aus dieser Dunkelheit und vorwärts in Richtung hellerer Zeiten. Doch genug der Vorrede.

 

Die Sonne symbolisiert für mich vor allem ungehemmte Generativität. Das versuche ich jetzt mal zu erklären.

 

Laut Duden bedeutet Generativität schlicht und einfach "Zeugungskraft".

 

Buddelt man etwas tiefer, erfährt man, dass der Begriff Generativität von Erik H. Erikson, einem deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker, eingeführt wurde. Erikson war Vertreter der psychoanalytischen Ich-Psychologie und entwickelte gemeinsam mit seiner Frau ein Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung des Menschen. Dieses Modell besteht aus acht Stufen, in denen sich jeweils zwei gegensätzliche Begriffe der psychosozialen Entwicklung gegenüberstehen. In der ersten Stufe sind das beispielsweise Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen. Diese Stufe bezieht sich auf das erste Lebensjahr eines Menschen. Die siebte Stufe bezieht sich dann auf das Erwachsenenalter und besteht aus dem Dualismus Generativität vs. Stagnation und Selbstabsorbation.

 

Ein Mensch, der in seiner psychosozialen Entwicklung bei dieser Stufe angelangt ist, steht also im Spannungsfeld zwischen Generativität auf der einen und Stagnation und Selbstabsorbation auf der anderen Seite. Für was wir uns in diesem Stadium unseres Lebens entscheiden, ist für unser Lebensglück von fundamentaler Bedeutung, denn Generativität führt zu Ich-Integrität im achten und damit letzten Stadium unserer psychosozialen Entwicklung, während selbstabsorbierte Stagnation zu Verzweiflung als Endstadium führt.

 

Auf Stufe 7 von 8 im Stufenmodell von Erikson stellen wir also die Weichen für unseren weiteren Lebensweg und entscheiden uns so zwischen einem erfüllenden, schöpferischen Leben voller Generativität und psychischer Integrität auf der einen Seite und einem Leben gefühlter Sinnlosigkeit und Leere auf der anderen Seite.

 

Generativität in diesem Kontext meint also, Liebe in die Zukunft zu tragen und sich um zukünftige Generationen zu kümmern, zum Beispiel eigene Kinder großzuziehen. Diese Kinder können auch metaphorische Kinder sein, beispielsweise Kunstwerke, Unternehmen oder Gemeinschaften. Es kommt darauf an, etwas zu erschafffen wovon die Nachwelt profitiert und Erikson zählt dazu nicht nur eigene Kinder zu zeugen und für sie zu sorgen, sondern auch das Unterrichten, die Künste und Wissenschaften sowie soziales Engagement; also alles, was für zukünftige Generationen brauchbar sein könnte. Im weitesten Sinne kreativ zu sein und langfristig Nützliches zu erschaffen, das ist der Kern von Generativität. Das ist auch Zeugungskraft im weit gefassten Sinne und genau das, was die Sonne macht.

 

Denn die Sonne spendet Licht, Wärme und Energie. Sie spendet Leben! Ohne die Sonne keine Natur, keine Pflanzen, keine Tiere, keine Menschen. Generation für Generation, Millennium für Millennium, seit Anbeginn der Zeit geht alles Leben auf die Sonne zurück. Würde die Sonne morgen nicht wieder aufgehen, würde die Erde binnen einer Woche eine Durchschnittstemperatur nahe dem Gefrierpunkt erreichen. Das ist schon ziemlich kalt, geht aber eigentlich noch. Zum Vergleich: Der Südpol kommt mit Sonne so auf minus 60 Grad und der Nordpol gerade mal auf minus 30. Doch innerhalb eines Jahres ohne Sonne würde die Durchschnittstemperatur auf der Welt auf minus 73 Grad fallen. Ohne Sonne wäre die Erde also ein ziemlich lebensunfreundlicher Eisplanet.

 

Wobei das noch zu milde formuliert ist. Denn innerhalb von 10 Jahren würde die Durchschnittstemperatur auf minus 219 Grad fallen und sich weiter dem absoluten Nullpunkt, minus 273 Grad, annähern. Es würde ununterbrochen gefrierenden Sauerstoff schneien und an Leben auf der Erde wäre nicht mehr zu denken. Doch das ist noch nicht alles. Nach Erlöschen der Sonne würde im Laufe der Zeit auch das Kraftfeld zusammenbrechen, das die Erde in ihrer Umlaufbahn um die Sonne hält. Dann würde unser Planet mit 108.000 Stundenkilometern durchs All rasen und wahrscheinlich irgendwann mit einem anderen Planeten kollidieren oder in einem schwarzen Loch verschwinden. So oder so, das Thema Leben auf der Erde hätte sich endgültig erledigt.

 

Doch glücklicherweise scheint die Sonne und hält die Erde gewärmt in ihrer Umlaufbahn. Seit etwa 4,5 Milliarden Jahren. Und das wird sie auch noch für mindestens weitere 5 Milliarden Jahre tun. Eine Milliarde Jahre, das sind eine Million mal tausend Jahre, also eine 1 mit 9 Nullen dahinter oder 1 Millionen Millennien am Stück. Und fünfmal solange wird die Sonne die Erde noch wärmen. 5 Milliarden, das ist für den menschlichen Geist nur noch eine abstrakte, nicht mehr greifbare Zahl. Der Unterschied zwischen 5 und 10 Milliarden Jahren weiterer Sonnenstrahlung ist ein rein konzeptioneller, der für tatsächliches menschliches Handeln praktisch irrelevant ist. Für praktische Zwecke können wir sagen, dass die Sonne noch ewig scheinen wird. So wie auch das menschliche Leben für praktische Überlegungen hinreichend lange weitergehen dürfte, um als ewig bezeichnet zu werden.

 

Wir Menschen leben, töten und sterben jetzt seit mindestens 300.000 Jahren auf diesem Planeten. Immer mit der Sonne über uns, die das ganze Drama überhaupt erst möglich gemacht hat und sich trotzdem einen Scheißdreck für uns interessiert. Wer weiss, vielleicht amüsiert sie sich sogar prächtig an unserer menschlichen Tragödie! Doch so oder so ist gut nachvollziehbar, warum wir Menschen immer wieder Sonnenkulte hervorgebracht haben und in zahllosen verschiedenen Formen die oberste Lebensspenderin unserer Welt verehren. Ohne Sonne kein Leben auf der Erde, so einfach ist das. Jemand der sich mit Religionen, Sekten und Kulten viel besser auskennt als ich hat mir mal erklärt, dass sogar das Christentum in seiner ursprünglichen Form ein Sonnenkult war bzw. der Katholizismus im Grunde immer noch ist.

 

Doch davon verstehe ich letztlich nichts - ich weiss nur, dass die Sonne bei all ihrer Generativität und Lebensspenderei auch noch eine andere Seite hat. Und diese andere Seite ist zerstörerisch, unerbittlich und tödlich. Die Sonne ist an ihrer Oberfläche rund 6000 Grad heiß und in ihrem Inneren herrschen unvorstellbare 15 Millionen Grad. Von dieser unermesslichen Energie kommt glücklicherweise nur ein Bruchteil auf der Erde an, und dennoch können die Strahlen der Sonne nicht nur wärmen, sondern auch verbrennen. Wer ungeschützt zu lange intensiver Sonnenstrahlung ausgesetzt wird, stirbt. Der Mensch kann mehrere Tage ohne Wasser und Nahrung überleben, aber nicht mehre Tage nackt ohne Wasser und Nahrung durch die Sahara marschieren. Und falls du mal in diese Bedrängnis kommen solltest, wird die Sonne nicht dir zur Liebe mal eine kleine Pause bei ihrem Gebrenne einlegen. Jedes Jahr sterben auch zigtausend Menschen an Hautkrebs, der mit zu viel Sonne in Verbindung gebracht wird. Doch das ist der Sonne völlig egal. Und das ist genau das Ding: Die Sonne strahlt, wärmt und brennt wie es ihr passt. Einfach gemäß ihrer Natur, ohne Hemmungen, ohne Skrupel, ohne Zweifel. Ob sich jemand an ihr wärmt und erfreut oder durch sie verbrennt und stirbt, der Sonne ist beides recht. Einerseits ermöglicht sie das Leben auf der Erde, andererseits verbrennt und tötet sie - und eines Tages, frühestens in 5 Milliarden Jahren, wird sie dem ganzen Spaß hier ein endgültiges Ende bereiten. Einfach so. Weil sie es kann, weil sie die verdammte heilige Sonne ist!

So isse, bipolar, gleichzeitig generativ und gefährlich.

Wie Odin. In der germanischen Schöpfungsgeschichte hat die Sonne ihr Leben ja letztlich Odin und seinen Brüdern zu verdanken, denn die erschaffen ja überhaupt erst den Himmel aus Ymirs Schädel, nachdem sie ihn umgebracht haben. Und selbst die Sonne ist auf eine Sache angewiesen, nämlich auf den Himmel, das muss sie dann doch zugeben. Doch ganz egal wer zuerst da war, Odin oder die Sonne, sie sind sich in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Beide habe eine schöpferische Seite, die Leben ermöglicht, und eine zerstörerische Seite, die Leben vernichtet. Beide machen einfach ihr Ding und scheren sich nicht um Befindlichkeiten, Meinungen und Urteile anderer. Sie sind selbstbestimmt. Sie lassen sich nicht vor fremde Karren spannen. Odin interessiert sich einen Scheiß dafür, was du von ihm hältst. Und die Sonne ebenso. Wenn du ihre Strahlung mittels Solarzellen für deine Zwecke nutzt, ist das für sie genauso in Ordnung wie wenn du dir einen schweren Sonnenbrand holst. Und nur so kommst du auf einen grünen Zweig, sei es als Gott oder als Himmelskörper.

Wir Menschen hingegen, wir machen uns immer furchtbar viel Gedanken darum, was andere von uns denken. Weil wir Affen mit wenig Fell sind und evolutionär darauf gepolt sind, den Ausschluss aus unserem Stamm, aus unserer Gemeinschaft, als lebensgefährlich zu betrachten. Vor langer Zeit war das ja auch sehr berechtigt, alleine kommt man gegen Säbelzahntiger und Co. schlecht an. Doch heute leben wir in einer Welt, in der wir uns ganz bewusst mit Menschen zusammentun können, die an die gleichen Werte glauben wie wir selbst, ziemlich unabhängig von Geographie. Die organisch gewachsene Dorfgemeinschaft, in die man hineingeboren wurde und in der man starb, die gibt es heute nicht mehr. Das ist Fluch und Segen zu gleich. Einerseits bedeutet das mehr Freiheit, andererseits auch mehr Haltlosigkeit in einer nihilistischen Welt. Und das, diese nihilistische Haltlosigkeit, diese prinzipienlose Beliebigkeit, die macht es möglich, dass Kinder unter Maskenpflicht zur Schule gehen müssen, während die Herrscherklasse unmaskiert auf unsere Kosten in Saus und Braus lebt. Und all die anderen himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die einen manchmal wünschen lassen, dass die Sonne nicht erst in 5 Milliarden Jahren ihre Arbeit einstellen möge, sondern am besten schon morgen.

Und genau dann, wenn die innere Nacht am tiefsten ist, dann kommt es drauf an. Dann stehen wir vor der Entscheidung, ob wir den kleinen Rest Glut in uns wieder entfachen oder erlöschen lassen. Als Individuum, als Gruppe, als Menschen. Und mit diesem Entschluss bestimmen wir über unsere Zukunft. Wir können aufgeben und ein Leben in stiller Verzweiflung führen, in der Hoffnung bloß nie in unserer Angst erkannt zu werden und mit dieser Entscheidung die Welt ein kleines bisschen dunkler und kälter machen. Oder wir können aufstehen, so wie Sonne jeden Morgen aufgeht, unser inneres Sonnenfeuer entfachen und strahlen. Mit gutem Beispiel vorangehen, unseren Leuten Vorbild sein und ihnen etwas Licht und Wärme schenken - und so uns selbst und unsere kleine Welt immer heller erleuchten. Denn man bekommt was man gibt und Glück wächst wenn man es teilt. Umso heller deine Sonne leuchtet, desto wahrscheinlicher ist es, dass auch deine Mitmenschen den Weg durch die Dunkelheit finden. Wer von innen strahlt ist seinen Leuten Leuchtturm im Ozean der Ungewissheit - und umso stürmischer die Zeiten, desto wichtiger ist das. Und diese Kraft, dieses Leuchten, muss von innen kommen. Nur wer selbst brennt, kann ein Feuer in anderen entfachen. Und in diesem Sinne will ich mit einem Gedicht von Isolde Kurz zum Ende kommen:

 

Gib, hohe Sonne, daß ich Tag für Tag

im Steigen mich, wie Du, erneuern mag,

Daß ich, aus Dir geflossen rein und frei,

Ein Feuer wirkend, selber Sonne sei!