Gastbeitrag von Chris: Was ist deine Lebensaufgabe?

Foto: Nathan Cowley


Was ist deine Lebensaufgabe? Diese Frage konnte ich bereits in sehr jungen Jahren beantworten. Ich wollte ein Krieger werden. Angezogen von den Werten und Tugenden dahinter. Besonders fasziniert war ich von den Männern, die zu einer gewissen Elite jeder Armee gehören. Die stillen Profis. Werte von Stärke, Mut, Ehre und Professionalität. Doch ein Krieger braucht auch einen Grund zum Kämpfen und der war als Kampf gegen den Terrorismus durch den 11.09.2001 gegeben. Somit war mein Werdegang klar: als deutscher Soldat im Ausland gegen den Terrorismus kämpfen, damit böse Männer nicht nach Deutschland oder in die westliche Welt kommen, um uns zu schaden. Natürlich auch den Frieden in einem Krisenland herstellen, weil die einheimischen Menschen unterdrückt werden und sich nicht verteidigen können.

Klingt sehr infantil, aber im Grundschulalter verstand ich natürlich noch nichts von der Welt. Bevor ich jedoch Soldat wurde absolvierte ich auf Anraten meines Umfeldes vorerst eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Der Klassiker: „Lern erst einmal einen Beruf, bevor du zur Armee gehst, dann haste was in der Tasche.“ Ich entschied mich vollends für diesen Beruf, da mich die Medizin seit dem Jugendalter faszinierte. Nach der Ausbildung trat ich der Bundeswehr als Sanitätsfeldwebel bei und kam meiner Lebensaufgabe einen Schritt näher.

Die Grundausbildung hatte sich als positive Erinnerung eingebrannt und ich lernte dank guten Ausbildern, welche den Soldatenberuf noch als Berufung sahen, ungeheuer viel. Doch dabei blieb es den Rest meiner Dienstzeit, bis auf einer Ausnahme gegen Ende. Ich befand mich in einer Armee des „Nichts“. Verzweifelt suchte ich Kameraden, die mitziehen oder einen Mentor, an dem ich mich orientieren konnte. Gleichermaßen suchte ich Werte und Tugenden. Stattdessen machte ich Erfahrungen wie: Das coole Ausrüstung dich automatisch in allem besser macht (stärker und intelligenter); Saufen mega cool ist; in Gefechtssituationen der kooperative Führungsstil super ist; ich mit schweren Waffen schießen will, obwohl ich meine Standardbewaffnung (G36 und P8) noch nicht einmal beherrsche; es von Unten nach Oben geführt wird und wer nichts kann, kann Anzug. Letztlich kam ich zu der Erkenntnis, dass meine persönliche sowie berufliche Entwicklung stillsteht und sah nur noch einen Ausweg: das KSK in Calw.

Nebenbei hatte ich angefangen mich mit Fitness auseinanderzusetzen, mich geistig weiterzuentwickeln, etc. Der Leitgedanke war einfach: „Wenn du ein Kommando werden willst, musst du wissen was einen Kommando ausmacht.“ So kaufte ich mir von Mark Divine „Der Weg des SEAL“ und der Stein kam ins Rollen. 2019 absolvierte ich den Teil 1 des Eignungsfeststellungsverfahren und meisterte danach erfolgreich das 10-wöchige Vorbereitungsprogramm für die Höllenwoche. Doch letztendlich entschied ich mich gegen ein Fortsetzen dieses Werdeganges. Aus verschiedenen Gründen, wobei ich mich nicht als Verlierer oder dergleichen sah. Ich traf diese Entscheidung selbstbestimmt und mit reinem Gewissen. Die Erfahrungen und Lektionen, die ich lernte, entsprachen endlich dem Bild einer gewissen Armee. Ich kehrte in meine Stammeinheit zurück, rutschte jedoch in einen Sog der Sinnlosigkeit und natürlich in ein System des „Nichts“. Die Bundeswehr war für mich abgeschlossen, als Pfleger wollte ich nicht arbeiten und Alternativen gab es nicht wirklich.

Die Lebensaufgabe war weg. Mein Glaube war weg.

Dezember 2020 schied ich aus der Bundeswehr aus und mache nun mein Fachabitur an einer Bundeswehrfachschule. Zu Beginn des Jahres 2021 konnte ich immer noch nicht meine Lebensaufgabe formulieren. Ich hatte mich vom Staat gelöst, zig „schwarze Pillen“ geschluckt, um viele Dinge zu desillusionieren und hinter die Fassaden zu blicken. Es bedarf keiner Uniform um ein Krieger zu sein, welcher ein wichtiger Archetyp der Charakterbildung ist, um ganzheitlich zu wachsen. Jeder kann ein Krieger sein. Um sich selbst zu wehren und seine Familie zu beschützen.

Aber um zum Schluss zu kommen, habe ich nun eine neue Lebensaufgabe für mich gefunden. Dank der Symbolik der inneren Sonne! Die Kraft der inneren Sonne, den Willen etwas zu erschaffen oder bewirken zu wollen, half mir aus dem Loch und vertrieb die große Dunkelheit. Wir können im Einzelnen nicht die Welt verändern, aber den kleinen Mikrokosmos um uns herum erhellen.

Als Sonne können wir unserer Familie Wärme und Liebe schenken. Freunden aus der Dunkelheit hinaushelfen, unterstützen wieder Fuß zu fassen. Menschen, die sich auf uns einlassen, neue Impulse geben, um zu wachsen. Negative Einflüsse und Widerstände durch unsere Kraft zu „verbrennen“.

Somit kam wieder eine Motivation, besser gesagt ein Sinn auf. Ich will zurück in die Pflege und mich in dem Bereich Kinderkrankenpflege oder Psychiatrie spezialisieren. Jeder sollte seiner Berufung nachgehen und das machen, worauf er Lust hat. Er einen Sinn darin sieht, sich treu bleiben und wahrhaftig die Frage beantworten: Wozu? Erkenne deine besondere innere Sonne. Jeder strahlt in seinem eigenen Glanz, was uns als Sonnen eint, aber jedoch wieder jeden einzigartig macht. Ich denke mit dieser Haltung können wir unser Umfeld erhellen, besser machen und anderen Streitern der Sonne befeuern. In diesem Sinne möchte ich den Text mit einem passenden Zitat von Augustinus Aurelius beenden:

Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.