Als Odinist im Bistum Hildesheim


Ich habe kein Problem damit, als Odinist zu christlichen Bauwerken empor zu schauen. Meine Heimatstadt Hildesheim ist seit dem Frühmittelalter Sitz eines katholischen Bistums (Gründung im Jahr 815) und das Stadtbild ist stark von vielen beeindruckenden Kirchen geprägt. Ich mag meine Heimat - und auch wenn ich im Christentum zu viel Sklavenmoral, Unterdrückung und Kontrollinstrument sehe, nötigen mir Gebäude wie der Hildesheimer Dom Respekt und Anerkennung ab.

 

Es gab eine Zeit, in der die Menschen trotz harten Lebensbedingungen und täglichem Kampf ums Überleben nichts besseres zu tun hatten, als gefühlt alle paar hundert Meter riesige Steingebäude zu errichten, massivst und aufwendigst verziert, und das mit uns heute archaisch anmutenden Werkzeugen - und vor allem mit jeder Menge Schweiß, Blut und Muskelkraft. Anstatt sich um ihr nacktes Überleben und möglichst viel Spaß und Ablenkung zu kümmern, setzten sie Stein auf Stein und schufen Baukunst, die Jahrtausende überdauert.

 

Jahwe bzw. JHWH, wie der christliche und jüdische Gott mit Eigennamen heißt, ist für mich im Vergleich zu Odin ein unsicherer Narzisst. Immerhin fordert er schon direkt bei seiner Vorstellung im 2. Buch Mose, dass es fortan nun keine anderen Götter neben ihm mehr geben dürfe - und was sagt diese Forderung über ihn aus? Aber Jahwe, seine Wettbewerbsscheue und den logischen Widerspruch, dass ein Gott gleichzeitig allmächtig sein soll und so eine Forderung nötig hat, hin oder her: Jahrhunderte lang hatten unsere Vorfahren wichtigere Dinge als Konsum und pseudo-intellektuelle Selbstbefriedigung a la linksgrüne Gutmenschen im Kopf. In diesem Sinne sind mir die Christen der Vergangenheit sehr sympathisch - was ich von der Institution Kirche nicht behaupten kann.

 

Letztlich sind Begriffe wie Odinismus und Christentum bloß Label, gedankliche Schubladen und Kategorien. Was wirklich zählt sind Taten. Ob du dich Christ, Moslem, Buddhist, Atheist oder Odinist nennst - das spielt am Ende keine Rolle. Das einzige, was wirklich zählt, ist, wie du dein Leben lebst. Es kommt darauf an, ein Leben zu leben, dass du immer und immer wieder gerne nochmal genau so leben würdest. Und diesbezüglich bietet mir Odin am meisten Inspiration - auch und vielleicht gerade innerhalb einer Gesellschaft, die sich mitten im Untergang ihrer christlich-abendländischen Tradition befindet.