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Die Wölfe Nordland


Svagrim ist einer der Gründer der Wölfe Nordland, einer religiösen Gemeinschaft rund um das germanische Heidentum, Schamanismus, Tribalismus, Männlichkeit und Heldentum. Aufgrund der thematischen Überschneidungen zu meinen Büchern und meinem Blog ist es schön, dass wir über Instagram auf einander aufmerksam geworden sind und Svagrim sich bereit erklärt hat, mir die folgenden 9 Fragen zu beantworten:

 

1 – Stell dir jemanden vor, der sich bisher ich noch nie mit germanischem Heidentum, Büchern von Jack Donovan oder der Arbeit von den Waggener Brüdern beschäftigt hat. Wie würdest du so jemandem erklären, was ihr für eine Organisation seid und um was es im Kern bei euch geht?

 

Ich denke, dass einige Grundlagen über das germanische Heidentum bestehen müssen, um zu verstehen, was wir wollen und was wir tun. Obgleich wir immer offen für Interessenten und die damit verbundenen offenen Fragen sind, erwarten wir von jedem, der sich an uns wendet, ein grundlegendes Wissen über die religiöse Welt der Germanen und erste Erfahrungen mit magisch-spirituellen Ritualen. Auch wenn wir uns als Teil eines „heidnischen Revivals“ innerhalb der westlichen Welt betrachten: Die meisten, die sich für das germanische Heidentum interessieren, sind vermutlich in den gegenwärtigen sogenannten Asatru-Organisationen durch ihren stark inklusiven Charakter besser aufgehoben. Unsere Kultgemeinschaft sucht jedoch (so simpel es klingen mag) jene Individuen, die ein tiefes Bedürfnis nach eben dieser haben. Ein Bedürfnis, das sich zum Einen aus der Ablehnung der (post-)modernen Welt und all ihren inhärenten fiebrigen Krankheitszuständen speist, aber maßgeblich geprägt ist durch die materialistischen Ideologien der Gleichheit und des Geldes. Ihr Alleinherrschaftsanspruch will die Auflösung jedweder Tradition und die sich ihr verpflichtend fühlenden Gemeinschaften. Wer diese Brüche, insbesondere auf immaterieller Ebene, nicht wahrnimmt, gehört vermutlich einfach nicht zu den „Suchenden“ und „Wachenden“.

 

Zum Anderen findet eben jener einen Platz bei uns, der sich dem Aufbau einer Gemeinschaft zu verpflichten bereit erklärt und nicht willens ist, Teil der gegenwärtigen Zeit zu sein, sondern durch sein innerstes Wesen nicht anders kann, als sich dieser Zeit entgegen zu stellen. Dieser Aufbau erfordert die strenge Disziplin der Selbsttransformation, die jedem unserer Brüder zu einer Verkörperung unseres Mythos führen soll. Dieser Prozess setzt ein unablässiges Studium aller verfügbaren Quellen voraus, genauso wie unerbittliches körperliches Training und tägliche spirituelle Praxis. Integrieren wir all diese Aspekte in unsere regelmäßigen Riten, schmieden wir eine unzerstörbare Brücke in die Welten jenseits von Midgard. Unser Fokus und Anspruch ist ein im Kern spiritueller.

 

Mit den vielfältigen Labeln heidnischer Gruppen oder Organisationen können und wollen wir uns nicht abschließend beschreiben lassen. Es ist weder unser Anspruch die Rezeptionen germanischer Religiosität der Romantik als unseren Bezugs- und Ausgangspunkt zu wählen, noch betreiben wir Reenactment der spirituellen Vorstellungen aus der Wikingerzeit oder beziehen uns ausschließlich auf die Zeit der Völkerwanderung. Wir suchen die Ursprünge unserer Praxis in den ersten Tagen des Menschen, wie der Stein-, Eis- und Bronzezeit, bis heute. Den Bruch in unserer magisch-kulturellen Tradition suchen wir durch die Bezugnahme auf die indo-europäischen Traditionsstränge auszugleichen und inkorporieren die dort zu findenden Essenzen. Während dieses kontinuierlichen Prozesses werden diese in die lebendige Religiosität unseres Kultes integriert.

Foto: Andrea Pagan

 

2 – Was symbolisiert der Wolf für euch? Was macht eine Gemeinschaft zum Wolfskult, abgesehen von Wappen / Colour? Mit welchen anderen Wolfskulten steht ihr in Verbindung und wie sieht die Zusammenarbeit aus? Arbeitet ihr auch mit anderen Organisationen zusammen, die ähnliche Werte wie ihr hochhalten, jedoch kein Wolfskult sind?

 

Im Wolf waren zu allen Zeiten unserer Kultur all jene Kräfte verortet, die außerhalb der Gesellschaft und ihrer Normen und Werte standen. In positiver Hinsicht war die Wolfswerdung ein initiatorischer Pfad jenseits der früheren holistischen Gemeinschaften, der den jungen Mann aus den sicheren Gefilden seiner Familie trieb und in der Wildnis die Mann-Werdung als Ziel hatte. Dort wurde der Aspirant in die tieferen Mysterien seiner Kultur eingeweiht, wurde zum Krieger und verband sich mit seinen Ahnen, der Wilden Jagd, um durch einen symbolischen Tod (oder eine reale Nahtoderfahrung) ein neues Leben empfangen zu können – eingegliedert in die Tradition seiner Vorväter. Doch während in alten Zeiten der Mann-Wolf zurück in seine Gemeinschaft kehren konnte, um ein würdiger Teil dieser sein zu können, mit vollen Rechten und Pflichten, so fehlt dies unserer heutigen Gesellschaft völlig: Ein initiatorisches System der Mann-Werdung durch Separation von und die Möglichkeit einer wirklichen Re-Integration in diese. Letztlich gab es auch Männer (zumindest gibt es Berichte aus der Zeit der Völkerwanderung), die nie in die Gesellschaftsstruktur zurückkehrten, aus der sie sich einstmals gelöst haben. Sie wurden zu ewigen Kriegern, Outlaws, die das Zeichen des Wolfes („caput gerat lupinum“ oder auch das Kainsmal) trugen. Sie gehören zu einer verstoßenen Kaste der Kshatriyas. Somit reihen wir uns ein in die lange Kette der schwarzen Orden, die schon immer von Island bis Indien existierten – Tod und Teufel zum Gesellen – mit der Hoffnung den Samen eines neuen Anfangs durch die Zeiten des Kali Yuga zu tragen.

 

Jenseits des vielleicht etwas zu verallgemeinernden Blickes auf die Vergangenheit bedeutet der Wolfskult für uns die Metamorphose vom Mann zum Wolf, zum Mann-Wolf, also Werwolf. [Anmerkung des Fragestellers: Siehe hierzu ggf. auch "Der Wehrwolf" von Hermann Löns, wobei das h aus meiner Sicht den Aspekt der Wehrhaftigkeit betont.] In der Synthese der chaotischen, ursprünglichen Kräfte der Wildnis mit dem Bewusstsein menschlicher Schöpfungskraft erleben wir einen ekstatischen Zustand, der unseren Einweihungsweg kennzeichnet. Letztlich leitet der Wolf auch das notwendige Ende eines Zyklus ein, der durch die Zerstörung einen Neubeginn schafft. Wir wollen keine Feuer löschen, denn was fällt, muss gestoßen werden.

 

Gegenwärtig besteht ein internationales Netzwerk aus verschiedenen Gemeinschaften. Jährlich finden größere Zusammenkünfte statt. Wer einmal die Ehre hatte, bei einem solchem Moot dabei sein zu können, ist nicht mehr der Gleiche, der er vorher einmal war.

 

Wir sind immer offen für Zusammenarbeit mit anderen Gemeinschaften, mit denen wir grundlegend die gleichen Werte teilen.

 

3 – Eure 4 Grundpfeiler sind Bruderschaft, Ritual, Kampf und scharfer Geist – was bedeutet das konkret und wie prägen diese 4 Elemente den Alltag eurer Organisation und von dir persönlich?

 

Unsere Pfeiler sind essentiell für die transformative Arbeit unserer Gemeinschaft und für jeden Einzelnen. Die Bruderschaft, der Männerbund, ist die soziale Dimension, die bei uns keinen rein funktionalistischen oder numerischen Charakter besitzt, sondern in der Kultgemeinschaft auch das Heilige verortet. Jeder Wolf oder Anwärter muss entscheidende Persönlichkeitsmerkmale mitbringen, um das große Ganze bereichern zu können. Doch zunächst muss er passen, von allen akzeptiert werden und daran arbeiten, ein fester Teil von uns zu werden. Je stärker der Einzelne wird, desto stärker wird der Bund. Unveräußerliche Treue und Solidarität sind hier die Grundlage. Unter Kampf verstehen wir die Körperlichkeit, der sich jeder widmen muss. Dazu gehört eine stetig aktualisierte Fitness, Vielseitigkeit und Wehrhaftigkeit. Kampfsport ist für uns der wichtigste Sport, neben Kraftsport und Lauftraining. Diese Aspekte prüfen wir regelmäßig bei unseren Zusammenkünften. Nicht zuletzt ist der Körper ein Produkt des Geistes, somit also auch ein Maßstab für die innere Haltung. Die Disziplinen des Geistes sind bei uns intellektuell-kultureller Natur. Wir streben weniger einen zivilisierten, sondern vielmehr einen kultivierten Geist an. Das Studium wissenschaftlicher Quellen, kontinuierliche Lektüre gehört ebenso dazu, wie die Ausbildung eigener Fähig- und Fertigkeiten, die zu künstlerischen Früchten und Blüten werden können. Unser ritueller Anspruch ist ein zutiefst spiritueller. All unsere Grundpfeiler sind spirituell ausgerichtet, haben die Transzendenz als Fundament und Ziel. Dies leben wir während unserer Zusammenkünfte, aber auch solitär. Die konkrete Praxis sieht natürlich für jeden anders aus, da auch jeder eigene Schwerpunkte hat. Manche von uns sind sehr tief in den Überlieferungen verwurzelt, während andere sich primär den künstlerischen oder eher körperlichen Aspekten widmen. Nichts desto trotz arbeitet jeder von uns täglich auf allen Ebenen an sich.

4 – Welche Rolle spielen die Götter des nordischen Pantheons bei euch? Beinhalten eure Rituale das Element des Gebets? Falls ja, impliziert anbeten nicht Unterwerfung?

 

Die germanischen Götter, Riesen und die mit ihnen verbundenen Kräfte sind unser hauptsächlicher Bezugspunkt. Nichtsdestotrotz gilt unser Blick auf die gesamte indo-europäische Tradition, von Island bis nach Indien, um verlorengegangene Mosaikstücke zu finden. Wir brauchen in manchen Bereichen die Inspiration, die wir zum Beispiel im indischen Hinduismus finden können, um den deutlichen Traditionsbruch in Europa auszugleichen, Durch Shiva verstehen wir Odin tiefer, genauso wie wir Thor durch Indra besser begreifen können.

 

Beten ist ein problematisches Wort, weil es zumeist mit Unterwerfung in Verbindung steht. Etymologisch hat beten eher etwas mit „bitten“ zu tun, ein Begriff, der schon kompatibler ist. „Anrufen“ ist ein passenderer Begriff. Nichtsdestotrotz ist der Weg der völligen Hingabe oder Ergebenheit ein Pfad, der von einigen von uns gegangen wird. Dieser hat aber weniger mit Unterwerfung zu tun, sondern hat eher etwas von einer liebevollen Hingabe. Dieser Pfad funktioniert wahrscheinlich nicht mit jeder Gottheit und ist auch nicht für jeden geeignet. In jedem Fall streben wir an, die Aspekte unserer Götter in uns verwirklicht zu wissen. Wir müssen ihnen einen Platz in unserer Seele gewähren. Geleitet ist unsere Göttersicht immer durch die Suche nach Einweihung und Befreiung. Nenn es von mir aus auch Erkenntnis oder Erleuchtung. Das Un-Bedingte ist unser Bezugspunkt.

 

5 – Odin ist einerseits der Allvater und Schöpfer der Welten, andererseits muss selbst er sich dem Schicksal beugen, kann den Weltenbrand nicht verhindern und fällt schließlich selbst. Was ist eure Sicht auf das Thema Schicksal / Vorbestimmung und was symbolisieren die Ragnarök für euch?

 

Genau genommen ist Odin (mit seinen Brüdern Vili und Vé) der Schöpfer von lediglich sieben Welten. Muspelheim und Nifelheim sind pre-kosmische Welten, von denen die entscheidenden Impulse für den Beginn des Schöpfungsprozess ausgingen. Es gibt also ursächliche und determinierende Kräfte, über die wir keine abschließende Macht besitzen.

 

Die Frage nach der Macht des Schicksals ist keine, auf die es einfache Antworten gibt.

 

Insbesondere vor dem Hintergrund des kosmogonischen und kosmologischen Prozesses, wie er in der nordischen Tradition überliefert ist, wird uns aufgezeigt, welche Bedeutung in der Antizipation von Kausalzusammenhängen liegt. Vor diesem Hintergrund fragen wir uns selbst, worum etwas so ist wie es eben ist und wie ein Zustand in einen anderen umgewandelt werden kann.

 

In den Mythen hören wir von den Nornen, die das Schicksal weben. Urd steht für das Gewordene (gewissermaßen ist hier die Vergangenheit zu verorten, sofern man diese Zeitkategorie hier anbringen möchte). Verdandi ist der Prozess des Werdens, der sich in jedem Augenblick vollzieht. Verdandi ist im Grunde der Moment, in dem die unmittelbare Zukunft zu Urd verwoben wird. Skuld wird zumeist mit „Schuld“ übersetzt, ich denke jedoch, dass das englische „should“, das was sein soll, auch gut passt. Skuld ist nicht totale Optionalität und Ungewissheit. Denn während im Verdandi-Moment das Urd gemehrt oder auch Wyrd geknüpft wird, wird eben dieses Wyrd zu einer determinierenden Konstante im Schicksalsverlauf, ob nun auf mikro- oder makrokosmischer Ebene – multidimensional und komplex. Dieses Wyrd-Gewebe kann man sich metaphorisch als einen riesigen gewebten Teppich vorstellen. Nur sind die wenigsten Menschen meisterliche „Teppichknüpfer“, sondern werden ins Sein geworfen, „eingewickelt“ in das karmische Geflecht ihrer Ahnen. Wir müssen uns erst „entwickeln“, bis wir uns selbst und bewusst an die Arbeit unseres eigenen Schicksalsgewebes machen können. Jede Entscheidung, jedes Gefühl, jeder Gedanke wird Teil dessen (die Neuroplastizität ist hierauf eine sehr passende Analogie). Wir entscheiden, wie unser Werden und Wesen sich gestaltet. Gestatten wir Unehre, Suchtverhalten, Geschwätz, Feigheit, negative Gedanken usw. ein Teil von uns zu werden, werden sie sich also zu entscheidenden Determinanten unseres Selbst entwickeln. Diese manifestierten Teile unseres Wyrds werden Teil des großen Webmusters unseres Seins und bestimmen somit auch entscheidend über unsere Zukunft, in Form von Verhalten und Erlebnissen.

 

Damit leben die meisten. Manche akzeptieren ihr „Los“. Manche haben „Glück“ gehabt und können mit einem vorteilhafteren Wyrd beginnen. Andere eben nicht. Manche müssen mit den hässlichen Mustern leben, mit schier unlösbaren Knoten, die schreckliche oder einfach nur passive Phasen ihrer Vergangenheit beinhalten. Manche Fäden sind so zart, dass sie bald zerreißen, andere sind fest und dick.

 

Das Problem ist unter anderem, dass das Wyrd eines Jeden sich in einer Phase seines Lebens manifestiert, in der der junge Mensch nicht im vollen Besitz seiner Kräfte und seines Bewusstseins ist, um diesen Prozess zu steuern. Vieles aus den frühen Lebensjahren lässt sich nicht mehr entscheidend verändern, wie Erziehung, Erfahrungen usw. Vieles ist womöglich nicht nur den damaligen Lebensumständen entsprungen, sondern eher mit der eigenen, inneren Polung. Vielleicht wirkten damals schon die Kräfte aus jenseitigen Sphären, deren Spielball wir sein könnten. Oder es waren hilfreiche Mächte, die uns bei der Suche nach unserer Bestimmung beistanden. In diesem prä-, inter- und über-kosmischen Wirrwarr wechselseitiger Vernetzung befinden wir uns in einem Zustand fortwährender chaotischer Einflüsse über einem Abgrund (oder Ugrund) des All-Potenzials. Dort können wir, den Umständen entsprechend, möglichst viel Einfluss auf die Ausgestaltung unseres Schicksals, und im Idealfall auch auf die bereits gewebten Muster ausüben. Diese Gestaltungsmacht zu erlangen, insbesondere auf feinstofflichen Ebenen, ist ein magischer Akt des Willens und erhöhten Bewusstseins.

 

Nun hört man derweil, man solle sich seinem Schicksal fügen, oder dass man seinem Schicksal ohnehin nicht entgehen könne. An anderer Stelle gibt es auch die Ansicht, dass der gemeine Mensch, kein wirkliches Schicksal besitzt, sondern es erst in einem heroischen Akt angenommen werden müsse. Der Held besitzt zwei entscheidende Vorteile: er kennt sein eigenes Wyrd-Geflecht (seine Herkunft und seine Mission) und gestaltet seine zukünftigen Handlungen nach seinem Willen. Er ist Knüpfer, ja vielmehr Dichter seines Schicksals. Doch bevor er dichten kann, muss er zunächst im Rahmen seiner primären Initiation den Pfad der grundlegenden Selbsterkenntnis beschreiten („Erkenne Dich selbst!“ und ein angemessenes „nigredo“). Wo unter all den Schichten seines Wyrds liegt dein wahrer Persönlichkeitskern? Das, was dich unverkennbar ausmacht? Diese Erkenntnis muss dazu führen, diesen Persönlichkeitskern essentiell zu stärken. Ist er stark genug, findet man darin einige Antworten auf die Fragen nach seinem Schicksal. Eines, was du dann zu lieben im Stande bist. Und während der Eingeweihte im Spannungsfeld dieses ewigen und doch extrem kurzweiligen Hier und Jetzt von Verdandi sein Wyrd spinnt, beginnt er die Kontrolle über das, was sein soll oder sein wird, auszubauen. Das ist vermutlich die einzige Macht, die wir über unser Schicksal besitzen. Was gar nicht mal so wenig ist.

 

Manche Schicksalsfäden enden mit dem Tod mancher Menschen. Manche Fäden scheinen schier unsterblich zu wirken, betrachtet man die Kenntnis eines jeden Menschen von Buddha, Jesus, Mohammed oder Julius Caesar. Wird unser Wyrd zu einem Mythos, so können wir, zumindest gemäß des „ewig lebt der Toten Taten Ruhm“, unsterblich werden. Nicht aus Ego-gesteuertem Antrieb. Sondern um selbst nach dem eigenen Tod als rühmliches Beispiel heroischen Menschentums zu gelten. Zumindest für die unsrigen.

 

Ich denke, dass dies auch der Weg Odins ist. Zu einem bestimmten Moment „irgendwann in der Zeit“ entstand ein höheres Bewusstsein, manifestiert in Odin, Vili, Vé (Ekstase, Wille, Heiligkeit).

 

Die Interpretation des Mysteriums von Ragnarök würde sicherlich den Rahmen sprengen. Doch letztlich hat Odin den Weg der Selbst-Einweihung durchschritten, die Union von Mikro- und Makrokosmos vollzogen und das magische Periodensystem des Kosmos (Runen) erlangt, was ihn verstehen ließ, wohin der in Gang gesetzte Prozess der Schöpfung führen würde. All sein Handeln und seine Entscheidungen lassen sich nur vor dem Hintergrund von Ragnarök deuten und verstehen. Odin mag vom mächtigen Vánagandr (Fenris-Wolf) verschluckt werden, doch es ist alles vorbereitet, um das göttliche Bewusstsein sicher durch den Weltensturm zu geleiten. Wir sehen in Ragnarök einen totalen Transformationsprozess, der zu innerer Erleuchtung oder Befreiung führen kann – sofern die richtigen Vorkehrungen getroffen wurden. Wer sein Schicksal kennt, weiß, was dafür getan werden muss. Alle anderen werden von den Flammen nicht gereinigt, sondern nur noch fester an ihre karmischen Gebundenheiten geschmiedet.

 

6 – Was bedeutet Esoterik für euch? Wie arbeitet ihr mit den Runen und welche anderen Werkzeuge verwendet ihr für die Arbeit an euch selbst? Gibt es eine Rune, die dir persönlich besonders wichtig ist?

 

Wie schon erläutert, ist unser Weg primär ein spiritueller. Das bedeutet nicht, dass nur kultische Rituale und Meditation in unserer Praxis zentral sind. Gelebte Gemeinschaft, Kraft- oder Kampfsport und auch das Lesen der richtigen und wichtigen Texte kann ein zutiefst esoterisches Erlebnis sein, wenn die Geisteshaltung korrekt ist. Im Deutschen gibt es ja dieses langweilig anmutende Wort „Achtsamkeit“, das sich seit einigen Jahren in der New-Age-Szene zunehmender Beliebtheit erfreut. Auf englisch würde man jedoch von „mindfulness“ sprechen: „Geist-Ganzheit“, die es zu jedem Zeitpunkt des Tages und bei jedweder Tätigkeit zu kultivieren gilt. Die Kultivierung dessen sorgt für ein gesteigertes Bewusstsein. Meiner Meinung nach ist dies die Grundlage für Erkenntnis und Weisheit. Des Weiteren üben wir uns in der Etablierung einer mytho-poetischen Weltsicht. Letztlich ist es Teil unserer Praxis, den Mikrokosmos (Mensch) mit dem Makrokosmos (Universum, „Welt“) auf einer runischen Ebene zu verknüpfen, um einen Zustand der Non-Dualität zu erreichen, der weder ein Innen noch Außen oder Oben noch Unten kennt. Wir sind weder aufs Diesseits noch aufs Jenseits fokussiert, sondern auf das Abschleifen karmischer Aspekte, die uns an die profanen Prozesse der Schöpfung binden, gleichermaßen den Blick auf den Ursprung verdunkeln und die Erkenntnis der prä-kosmischen Wahrheiten erschweren.

 

Doch jenseits von den Prozessen, die zu großer Transformation und sogar „Befreiung“ oder Erleuchtung führen können, gibt es diverse esoterische Techniken, die wir praktizieren und sowohl die Stärkung des Kultes als Ziel haben, sowie die Selbst-Transformation (auch in weltlicher Hinsicht) des Individuums. Galdor, Seidhr, schamanische Techniken, klassische Meditation, Zwiesprache mit Göttern oder anderen Entitäten, Útiseta (in Wäldern oder auf Friedhöfen), Vollmond-Rituale und Blutopfer gehören zu unseren Praktiken. Manche verwenden rituell außerdem entheogene Substanzen, die wir als heilige Sakramente betrachten.

 

Die Runen sind ein zentrales Element in unserer magischen Arbeit. Jede Rune beinhaltet einen speziellen Pfad der Einweihung in ein bestimmtes Mysterium. Ihr Geheimnis zu erlangen, setzt voraus, dass man ihre Bedeutung erkennt. Diese müssen verstanden werden, in sich selbst verwirklicht und aktiviert werden. Ebenso spielt jedes Einzelmysterium seine Rolle im Gesamtmysterium des Futharks. Die gesamte Runenreihe des Futharks beschreibt den kosmogonischen Prozess der Entstehung der Welten und des göttlichen Bewusstseins (aber auch die dahinterliegenden, prä-kosmischen Kräfte). Ebenso raunen sie von den Mythen der Götter und ihrem Entgegenschreiten hin zu Ragnarök. Doch genau wie die Runenreihe die Schöpfung des Makrokosmos beschreibt, so können die Runen auch als Einweihungspfad für die Selbsttransformation nutzbar gemacht werden: einen mikrokosmischen Prozess, dem sich der „Runer“ widmet. Es gibt jedoch eine Rune, von der alle Runen abstammen: Rúna, das ewige Mysterium, das es zu lüften und zu bewahren gilt.

Foto: Andrea Pagan

 

7 – Wie eng seid ihr im Alltag miteinander verbunden? Habt ihr eine Art Clubhaus oder gemeinsame Kultstätte als zentralen Ort des Zusammentreffens? Wie nah wohnt ihr alle bei einander?

 

Wir halten unsere Treffen regelmäßig ab, stehen täglich in Kontakt und sehen uns so oft wie möglich. Mittlerweile haben wir an verschiedenen Stellen im Land kleinere Kultstätten geschaffen, besitzen aber auch einen zentralen Platz für unsere Rituale.

 

8 – Wie viele Mitglieder habt ihr, wie gestaltet sich die Prospect- bzw. Anwärter-Phase und was sind die Voraussetzungen, damit jemand Mitglied werden kann? Was habt ihr potentiellen Interessenten zu bieten und was sind eure Pläne für die nächsten Jahre?

 

Zunächst muss der Aspirant passen. Durch eine längere Kennlernphase schauen wir, ob die soziale Kompatibilität gegeben ist. Uns nützt niemand, der einen Weltmeistertitel in MMA hält, einen Dr. in Nordistik besitzt und die Einweihung zum Aghori erfahren hat, aber nicht ansatzweise gemeinschaftstauglich ist. Todernste Charaktere, die vergessen haben, wie man lacht und immer nur Probleme machen, Soziopathen, Selbstdarsteller, Egoisten und Autisten sind Gift für vitale Gemeinschaften.

 

Sollte der Interessent nach eingehender Beschäftigung mit den Erfordernissen und der Bedeutung einer Mitgliedschaft seinen Willen äußern, diesen Schritt gehen zu wollen, und sind wir der Meinung, dass die Eignung vorliegt, kann die Anwärter-Phase begonnen werden. Die damit verbundenen Prüfungen und Entbehrungen werden herausstellen, ob der Anwärter wirklich das Zeug und den Willen hat, ein würdiges Mitglied in unseren Reihen werden zu können.

 

Uns interessiert in erster Linie, was Interessenten und Anwärter uns bieten können. Goldwaschen ist eben eine schmutzige Angelegenheit. Aber umso erfreulicher, wenn wir durch den Siebungsprozess auf die richtigen Persönlichkeiten stoßen.

 

In den nächsten Jahren werden wir wachsen und uns nach innen verdichten. Konstant. So wie immer.

 

9 – Wenn du morgen eine Botschaft auf allen Smartphone-Displays in Deutschland anzeigen lassen könntest, wie würde sie lauten?

 

Meine Botschaft wäre dieses Bild von Wolf-Dieter Storl und Christian Rätsch: