· 

Interview mit Gunnar Kaiser

Foto: Fabian Jansen


Ich denke nicht, dass ich den Kaiser noch vorstellen muss. Viel Spaß beim Lesen!

 

1 - Wie bist du libertär geworden?

 

Vor allem die Beschäftigung mit dem Geldsystem hat mich skeptisch gemacht, ob staatliche Eingriffe in diesem Bereich wirklich zu einer faireren Gesellschaft führen können.

 

 

2 - Was war deine Motivation, deinen YouTube-Kanal zu starten und was motiviert dich zum weitermachen?

 

Ich hatte gerade meinen ersten Roman geschrieben und wollte die Zeit, in der ich auf Antwort eines Verlages warten musste, sinnvoll überbrücken. Ich hatte gleichzeitig einige Artikel und Rezensionen in der Schublade, die ich irgendwie zweitverwerten wollte. Das Feedback von Zuschauern, die mir sagen, dass ich ihnen in einer Zeit der Krise Orientierung gegeben habe, motiviert mich stark, weiterzumachen.

 

 

3 - Warum hast du deinen zunächst eher vorsichtig-philosophischen YouTube-Kanal immer mehr politisiert?

 

Ich war schon Jahre vor dem Kanal politisiert und habe das auch in Blogbeiträgen festgehalten. Das hat sich eigentlich auch auf Youtube kaum verändert – aber mit steigenden Abozahlen ist die Wahrnehmung von außen manchmal, dass ich da meinungsstärker wäre als früher. Das ist aber eher deswegen der Fall, dass solche Videos viel angesehen werden, die zurückhaltend-neutralen aber nicht.

 

 

4 - Mit welchen philosophischen Fragestellungen sollte sich ein freiheitsliebender Mensch auseinandersetzen und warum?

 

Er sollte sich vor allem über die Grenzen der Freiheit Gedanken machen. Die Freiheit zu lieben und zu verteidigen kann man besser, wenn man ihren Verächtern deutlich machen kann, dass man sich durchaus bewusst ist, dass Freiheit auch Opfer mit sich bringen kann. Wenn man darauf eingeht, kann man plausibel machen, dass auch den Gefahren zu großer Freiheit letztlich in einer freien Gesellschaft besser begegnet werden kann.

 

 

5 - Steuern sind Raub und der Staat illegitimer Monopolist auf endrichterliche Entscheidungen - muss jemand, der das so sieht, sich nicht ständig als Opfer sehen? Wie viel Ressentiment und Sklavenmoral steckt im Libertarismus?

 

Ressentiment wäre es ja, wenn man eigentlich gar nicht frei sein will und seinen Unwillen, seine Angst oder Unfähigkeit auf andere schiebt. Es führt außerdem in der Debatte nicht weit, jemanden, der einen Missstand beklagt, psychischer Unzulänglichkeiten zu bezichtigen. Ein Opfer sein und die Opferhaltung einnehmen sind ja auch zwei verschiedene Dinge.

 

 

6 - Gibt es für dich einen höheren Wert als die Freiheit des Individuums? Falls ja welchen und warum?

 

Ja, aber diese Werte sind eben sehr individuell. Für mich wären es vielleicht Freundschaft und Kreativität. Wenn ich aber möchte, dass auch andere diese Werte schätzen lernen, müssen sie zuerst und vor allem die Freiheit dazu haben. Freiheit ist nicht alles, aber ohne Freiheit ist alles nichts.

 

 

7 - Neigt eine bestimmte Personengruppe besonders zum Libertarismus? Welche und warum?

 

Ich glaube schon, dass es bestimmte psychische Verfassungen gibt, die zu einer Weltanschauung prädestinieren. Nach meiner eigenen Erfahrung sind es vor allem auf Rationalität, Logik und Eigensinn bedachte Menschen. Manchmal fehlt ihnen vielleicht ein emotionales Verhältnis zu Solidarität und Identifikation mit einer Gruppe. Doch rein rational können sie deren Vorteile auch anerkennen.

 

 

8 - Die Selbstmordrate bei Männern ist deutlich höher als bei Frauen - warum ist das so?

 

Weil Maskulinität eben toxisch ist.

 

 

9 - Was kann jeder Mensch für seine psychische Gesundheit tun?

 

Ein Bild von sich entwerfen, möglichst konkret und vollständig. Schritte festlegen, die man gehen möchte, um dieses Bild zu verwirklichen. Alles aus seinem Leben heraushalten, was diesem Weg schaden würde. Ich glaube, Konzentration auf das Wesentliche, und gleichzeitig auch auf die Tatsache, dass wir alle nicht so wichtig sind angesichts der Unendlichkeit des Kosmos, kann viel zur psychischen Gesundheit beitragen.

 

 

10 - Du bist Lehrer, Schriftsteller, YouTuber, absolvierst Bühnenprogramme und versuchst vielleicht sogar noch nebenbei ein Privatleben zu haben - was sind deine drei wichtigsten Tipps in Sachen Produktivität und Effizienz?

 

Ich bin eigentlich gar nicht so besonders effektiv, ich verfolge auch keine besondere Technik oder Methode. Aber die Tatsache, dass es Leute gibt, die auf deine Arbeit warten, kann extrem motivieren. Es setzt zwar unter Druck, aber ohne diesen Druck würde ich nichts hinbekommen. Wenn man sich ein System schafft, dass einen dazu zwingt, abzuliefern (weil bestimmte Menschen es von dir erwarten und es somit nicht egal ist, ob du heute produktiv bist oder nicht), dann kann das sehr helfen.

 

 

11 - Wie würdest du jemandem, den du fördern möchtest, das gegenwärtige "System Deutschland" erklären?

 

12 - Wie steht es derzeit um die Freiheit, insb. Rede-/ Meinungsfreiheit, in Deutschland?

 

Die Löschungen von Youtube-Kanälen, die zwar ideologisch fragwürdig sein mögen, aber doch im Rahmen des gesetzlich erlaubten, macht es denjenigen, die von Zensur reden, sehr leicht und wird noch mehr Menschen in extreme Lager führen. Zugleich ist die Diffamierung eine so leicht zu führende Waffe geworden, sogar bei der Mainstreampresse, die sich immer weniger mit Theorien argumentativ auseinandersetzen und stattdessen „Netzwerke“ an die Wand malen und die Verschwörungstheoretikerkeule schwingen.

 

 

13 - Was kann jeder Mensch zu einer gesunden Diskussionskultur beitragen und warum sollte er das tun?

 

Er sollte immer das Gute in seinem Gegenüber annehmen und es sich nicht zu leicht damit machen, den anderen als böswillig abzustempeln. Er sollte immer danach forschen, WARUM das Gegenüber diese oder jene These vertritt, ihn also sozusagen steelmannen – das Gegenteil von Strawmanning. Indem ich die Position des Gegenübers so stark wie möglich mache, kann ich erst verstehen, welche Argumente ihn bewegen. Und erst wenn ich die angehe, kann ich jemanden umstimmen, weil er sich ernstgenommen fühlt.

 

 

14 - Du bist Kaiser, nicht Hellseher - dennoch: Wie steht es um die Freiheit in Deutschland in zehn Jahren?

 

Die Coronakrise könnte zumindest eine Stunde der Entscheidung sein: Wie geht man mit Skeptikern um, lässt man Gegenstimmen zu, bekommen sie ebenso großen medialen Platz wie die Verfechter der „offiziellen“ Version und Maßnahmen? Falls die Gesellschaft sich das Recht erstreitet, diese Leute unvoreingenommen zu hören, könnte es sein, dass wir in Deutschland in zehn Jahren noch ein wenig Freiheit haben werden.