· 

Interview mit Freimütig


Jannis und Cliff aus Berlin betreiben gemeinsam den libertären Instagram-Account Freimütig, wo sie, Zitat, gute Propaganda für gute Menschen machen. Vor ein paar Monaten hatten die beiden mich zu meinem ersten Buch interviewt - jetzt drehen wir den Spieß mal um und Cliff und Jannis stehen mir Rede und Antwort. Im Folgenden also meine 15 Fragen und die Antworten der beiden.

 

 

1 - Was ist die Entstehungsgeschichte von freimütig?

 

Cliff: Nachdem wir beide nach langer Suche, viel Literatur und ausgiebigen Gesprächen ganzheitlich und nachhaltig von der libertären Philosophie überzeugt waren und damit im eigenen Freundeskreis auf ebenso nachhaltig verschlossene Ohren und Geister gestoßen sind, stellte sich die Frage, wie wir die Köpfe erreichen, die noch offen für neue Perspektiven und unsere freiheitliche Aufklärung sind. Die zeitgeistig angemessene Antwort lautet natürlich: Memes.

 

Jannis: Nach Jahren des reinen Konsums freiheitlicher und trutherischer Inhalte wurde der Druck auf der Seele irgendwann zu groß. Auch wenn mir klar ist, dass eine Instagram Seite nicht groß was verändert, ist es doch eine Erleichterung. Cliff habe ich 2014 in Trier kennen gelernt, als ich zu ihm in die WG gezogen bin. Als ich mit dem Anarchokapitalismus um die Ecke kam, war er der Einzige, der sich in meinem Umfeld direkt von dessen bestechender Logik überzeugen ließ. Ab da war mir eigentlich klar, dass wir das irgendwie nach außen bringen müssen. Ohne den "Red-Pill-Moment" des Libertarismus durch Menschen wie Tilman Knechtel (Trau keinem Promi) und Oliver Janich würde es freimütig sicher nicht geben.

 

 

2 - Wie seid ihr auf den aus meiner Sicht sehr guten Namen für euer Projekt gekommen?

 

Cliff: Uns liegt die Sprache am Herzen. Deshalb war recht schnell klar, dass wir einen deutschen Namen brauchen, der nicht vor Ideologie trieft, sondern vielmehr unsere Art beschreibt, wie wir die Dinge radikal und logisch konsistent beim Namen nennen: freimütig. Der Duden schreibt dazu: »ohne Ängste und falsche Rücksicht seine Meinung bekennend; offen.«

 

Jannis: Mir gefällt die Doppeldeutigkeit. Freimütige Kommunikation und sowohl frei als auch mutig zu sein. Außerdem missfällt mir, dass viele Menschen erst gar nicht über Politik sprechen sprechen wollen und ihre Ansicht wie ihr Gehalt für sich behalten. Wie sagte es Hermann Hesse so schön: Es wird gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht. Zuletzt wollten wir im Namen nicht gleich unsere politische Gesinnung verraten, sondern alle zum Diskutieren einladen, nicht nur Libertäre.

 

 

3 - Wo seht ihr freimütig in fünf Jahren?

 

Cliff: Uns geht es mehr um die Idee der freiheitlichen Aufklärung und die Verbindung mit Gleichgesinnten als um die Marke freimütig. Trotzdem wäre es natürlich schön, freimütig in fünf Jahren fest im deutschsprachigen libertären Kosmos verankert zu haben, so dass wir möglichst viele Menschen erreichen können.

 

Jannis: Mein persönlicher Traum ist, dass eins unserer Memes so viral geht, dass es ohne mein Zutun in der Filterblase meiner Eltern landet.

 

4 - Wie würdet ihr jeweils euren individuellen Prozess des Erwachens beschreiben?

 

Cliff: Von dem bei mir seit jeher vorhandenem diffusen Gefühl, dass in diesem System etwas nicht stimmt und gesellschaftlich wie ökonomisch teilweise absurde Ansichten und Werte herrschen, ging es für mich geistig geradewegs auf die linke Bahn. Ich war prinzipiell dagegen und fand den Staat auch damals scheiße und fühlte mich damit moralisch überlegen, hatte aber keine Alternativen und erst recht wenig Positives entgegen zu setzen. Durch die Beschäftigung mit Themen abseits des Mainstreams wurde mein Geist offener, durch die kontinuierliche Suche nach der Wahrheit kam der Fokus und durch mentale und körperliche Selbstermächtigung die nötige Positivität. Meditation und die Auseinandersetzung mit ökonomischen Grundlagen, philosophischen Schriften und freiheitlicher Literatur klärte sich der Geist. Allerdings ist dieser Prozess noch lange nicht beendet.

 

Jannis: Sehr, sehr viel YouTube. Am meisten hat mir geholfen eine wirtschaftliche Sicht auf die Dinge zu entwickeln. Also Wirtschaft wirklich zu verstehen. Würden das mehr Menschen tun, hätten wir in kürzester Zeit eine Revolution.

 

 

5 - Wie bekommt ihr euer Engagement für die Freiheit und euer Berufsleben unter einen Hut?

 

Cliff: Schwierig. Die Priorisierung ist nicht immer einfach, aber die Freizeit nutze ich gerne für die Freiheit.

 

Jannis: Vieles kann man zum Glück nebenher auf dem Handy machen. Aber es stört mich auch absolut nicht meine Freizeit dafür zu investieren, im Gegenteil.

 

 

6 - Wie alt seid ihr und was macht ihr konkret beruflich?

 

Cliff: Ich bin 32 Jahre alt und arbeite als Designer.

Jannis: Ich bin 30 und arbeite aktuell als Bauarbeiter.

 

 

7 - Wie ticken die meisten Menschen in eurem beruflichen Umfeld?

 

Cliff: Aufgeklärt und intelligent, aber festgesaugt an der Titte des Staates und überzeugt davon, der Status Quo sei das bestmögliche Ende einer positiven staatstheoretischen Entwicklungsgeschichte. Obwohl sie natürlich an den Vertretern des Leviathans genug auszusetzen haben und sich regelmäßig über diese echauffieren.

 

Jannis: Staatsgläubigkeit ist natürlich sehr verbreitet, wie auch bei mir noch vor wenigen Jahren. Aber auch wenn ich hier und da versuche, die ein oder andere rote Pille zu verabreichen, komme ich mit den meisten Menschen sehr gut aus. Gerade die Konfliktscheue und das Unpolitische in vielen Menschen überzeugt mich immer wieder von der Anarchie als bestem "System".

 

 

8 - Und in eurem privaten Umfeld? "Versteht" man euch da?

 

Cliff: Bestimmt nicht immer in Gänze, aber gegen die Grundsätze von Vertragsfreiheit, Nicht-Aggressions-Prinzip, Verantwortungsbewusstsein und Selbstbestimmung kann man ja kaum was haben. Scheuklappen, Ressentiments und Vorurteile herrschen aber natürlich auch in diesen Kreisen.

 

Jannis: Das ist unterschiedlich. Bei langjährigen Freunden, die mich auf meinem Weg beobachten konnten, spüre ich immer mehr Verständnis. In der Familie hingegen eher weniger, was auch daran liegen kann, dass wir uns nicht oft sehen. Grundsätzlich macht einen eine radikale Einstellung, die man auch konsistent vertreten kann, zu einem interessanteren Menschen als den 08/15 Mainstream Heini.

 

 

9 - Worin seht ihr aktuell die größte Gefahr für die Freiheit in Deutschland und warum?

 

Cliff: Denkverbote und eine zunehmende Gesinnungsethik, die auf einen gefährlichen pseudomoralischen Totalitarismus der öffentlichen Meinung und einen politischen Autoritarismus zusteuern. Auch den Ausbau des Sicherheitsapparates auf Kosten der Freiheit sehe ich sehr kritisch.

 

Jannis: Meiner Ansicht nach ist "unsere" Gesellschaft grundlegend unfrei. Es gibt keinen Austausch zwischen Menschen, der nicht besteuert oder reguliert wird. Bei dem Maß an Besteuerung von Freiheit zu sprechen, ist schlicht eine Frechheit. Mir missfällt die Rhetorik der "freien und offenen Gesellschaft, die es zu bewahren gilt", da ich nichts bewahren kann, was nicht existiert. Erst wenn wir anerkennen, dass wir in Unfreiheit leben, können wir echte Freiheit zulassen. Und ja, ich weiß, dass es woanders viel schlimmer ist und es uns vergleichsweise gut geht.

 

 

10 - Wie sieht euer Utopia, eure Traum-Gesellschaft, aus?

 

Cliff: Eine herrschaftslose aufgeklärte Gesellschaft, begründet auf Freiwilligkeit, Austausch, Innovation, Verantwortung, Selbstbestimmung und echter Solidarität.

 

Jannis: Das Europa der tausend Liechtensteins. In der Rückkehr zur Kleinstaaterei ist denke ich alles enthalten was eine gute politische Strategie braucht: Direkte Demokratie auf kleiner Ebene, Erhalt der jeweiligen kulturellen Identität, Verantwortungsvolle Politik durch Reziprozität, Freiheit des Individuums durch Wettbewerb der Staaten, keine Möglichkeit großer stehender Heere.

 

 

11 - Wie würdet ihr euren eigenen Kindern "Staat" erklären?

 

Cliff: Der Staat ist ein riesiges schleimiges dunkles Monster, dessen gierige Tentakel nach immer mehr greifen, dass es sich einverleiben und verschlingen kann.

 

Jannis: Ich würde mit einem großen Löffel 70 Prozent ihres Spaghettieises auf meinen Teller schieben und ihnen dann vorschreiben, wie sie die restlichen 30 Prozent zu essen haben.

 

 

12 - Welche freiheitlichen Denker und Autoren sind euch am liebsten?

 

Cliff: Max Stirner, Hans-Hermann Hoppe, Roland Baader, Murray Rothbard.

Jannis: Gerd Habermann, Nassim Nicolas Taleb, Rahim Taghizadeghan

 

 

13 - Wenn ihr euch einen Mechanismus des gegenwärtigen Systems aussuchen dürftet, der ab morgen in jeder Schule unterrichtet wird, welcher wäre das und warum?

 

Cliff: Ich bin mir nicht ganz sicher, was du mit Mechanismus meinst, aber ich würde den Schülern in jedem Fall erklären wollen, dass sie kein Zahnrad im System werden müssen, sondern ihre Ideale und Visionen verwirklichen sollen. In jedem Fall sollte jeder Schüler den Hintergrund unseres Geldsystems kennen und wissen, wie man gründet und eine Steuererklärung ausfüllt.

 

Jannis: Den noch bruchstückhaft vorhandenen Kapitalismus

 

 

14 - Wir leben ja alle in unseren Filterblasen. Was sind eure drei besten Argumente, warum jemand, der nicht bereits im libertären Spektrum unterwegs ist, sich euren Content anschauen sollte und wo bzw. wie tut er das am besten?

 

 Cliff:

1. Auch wir waren mal links; glaub mir, es gibt was Besseres!

 2. Man kann geistig nur wachsen, wenn man den Blickwinkel und die Perspektive gelegentlich ändert.

 3. Wir laden jeden ein, mit uns über die Zukunft zu diskutieren, in der wir und unsere Nachkommen leben wollen.

 

Jannis:

1. Es wird witzig

2. Man stößt bei uns auf Ansichten, die einem weh tun können. Aber genau das ist ein Zeichen, dass man dort weiter bohren sollte. Und uns nicht deabonnieren.

3. Damit wir ein Follower mehr haben.

 

 

15 - Wenn ihr für 24 Stunden einen einzigen Satz auf allen deutschen Smartphone-Displays anzeigen könntet, wie würde er lauten?

 

Cliff: Dein Feind steht nicht links oder rechts, sondern über dir und zerdrückt dich mit Steuern, Zwangsabgaben, Inflation und Überwachung: Befreie dich!

P.S.: Epstein didn't kill himself!

 

Jannis: Ein Mensch ist nicht weniger ein Sklave, nur weil er sich alle paar Jahre einen neuen Herren wählen darf.