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Interview mit Prof. Dr. Rieck


Prof. Dr. Christian Rieck lehrt an der Frankfurt University of Applied Sciences und leitet dort den Studiengang International Finance. Auf YouTube betreibt er einen Kanal über Spieltheorie. Mein Eindruck ist, das Spieltheorie uns in einer großen Bandbreite von Kontexten helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen. Deswegen habe ich Christian Rieck um ein Interview gebeten, dem er freundlicherweise zugestimmt hat. Im Folgenden meine 14 Fragen und Professor Riecks Antworten.

 

 

1 - Ist Spieltheorie ein Hilfsmittel um selbstbestimmter zu leben? Falls ja, warum?

 

Spieltheorie hilft, Entscheidungen zu treffen und die Entscheidungen Anderer zu verstehen. Da gute Entscheidungen sicherlich die Basis von Selbstbestimmung sind, ist die Spieltheorie tatsächlich ein Hilfsmittel dafür. Seltsamerweise habe ich das bisher selbst noch nie so gesehen, aber Sie haben mit Ihrer Frage natürlich vollkommen recht.

 

 

2 - Sie erläutern auf Ihrem YouTube-Kanal, dass Spieltheorie eine rein rationale Theorie sei - was macht sie dann für den Mensch als emotionales Wesen so nützlich?

 

Nicht die Theorie ist rational, sondern es ist eine Theorie der Rationalität; das ist ein feiner Unterschied, denn die Spieltheorie definiert, was Rationalität ist. Deshalb ist sie übrigens auch in der Philosophie weit verbreitet.

 

Eine solche Theorie der Rationalität ist deshalb nützlich, weil sie uns Referenzpunkte liefert. Es ist so, wie wenn wir in der Physik die Flugbahn ohne Luftwiderstand berechnen. Das ist zwar falsch, lässt uns aber die Grundprinzipien erkennen. Oft reicht diese Genauigkeit für praktische Fragen auch aus. Analog dazu können wir mit Hilfe der Spieltheorie besser erkennen, an welcher Stelle unsere Emotionen einsetzen und wie sie sich vom vollständig rationalen Verhalten unterscheiden. Wobei ich übrigens nicht sage, dass unsere Emotionen per se schlecht sind.

 

 

3- Wie sehen Sie in diesem Kontext die Rolle von Moral bzw. wo und inwiefern berühren sich Moral und Spieltheorie?

 

Moral tut so, als wären die durch sie gesetzten Normen von außen gegeben. Spieltheorie dagegen versucht zu erklären, wie es zu bestimmten Moralvorstellungen kommt. Oft zeigt sich dabei, dass Moral sehr viel willkürlicher ist als man annimmt, wenn man bestimmte Moralvorstellungen gewohnt ist. Wobei das kein Plädoyer gegen Moral ist, auch wenn sie willkürlich ist. Denn sie vereinfacht meist das Zusammenleben erheblich (was übrigens auch ein Untersuchungsgegenstand der Spieltheorie ist).

 

 

4 - Wie würden Sie als Spieltheoretiker den Begriff Macht definieren?

 

Mir ist keine allgemein akzeptierte Definition bekannt, aber ich würde es einmal so probieren:

 

Macht ist das Ausmaß, zu dem man den Spielausgang in eine gewünschte Richtung beeinflussen kann. Es könnte aber sein, dass das Thema die eine oder andere Doktorarbeit wert ist.

 

 

5 - Wie muss man unsere derzeitige "repräsentative Demokratie" aus spieltheoretischer Perspektive sehen, Stichwort Moral Hazard?

 

Wir geben in der repräsentativen Demokratie einigen Personen den Auftrag, die Geschäfte in unserem Sinne zu führen. Das ist sehr ähnlich wie bei der Geschäftsführung eines Unternehmens. Man spricht in beiden Fällen von einer Principal-Agent-Beziehung, worin der Principal der Auftraggeber ist und der Agent der Auftragnehmer. Leider kann der Auftraggeber nicht vollständig überwachen, was die Auftragnehmer tatsächlich tun. Daher handeln diese oft im Eigeninteresse, was sich nicht mit den Interessen der Auftraggeber decken muss. Diese Situation wiederum nennt man Moral Hazard.

 

Wir beschäftigen uns in der Spieltheorie sehr ausführlich mit dieser Konstellation und beschreiben Möglichkeiten, wie man das Problem so gut wie möglich in den Griff bekommt. Dass diese Mechanismen nicht perfekt funktionieren und dass sie auch manchmal schwerfällig wirken, kann leicht Frust auslösen. Man sollte sich aber klar machen, dass unter den vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die es noch geben könnte, sehr viele schlechtere gibt. Daher lohnt es sich, dieses System weiterzuentwickeln und nicht aus Versehen ganz über Bord zu werfen.

 

 

6 - Was lässt sich in Sachen Spieltheorie über den Konflikt "Kapitalismus vs. Sozialismus" sagen?

 

Der Sozialismus verfolgt den Grundansatz „Wie schön wäre doch die Welt, wenn die Menschen anders wären.“ Und versucht dann mit Zwang, die Menschen zu ändern. Der Kapitalismus sagt dagegen „Lass uns für Menschen, wie sie nun einmal sind, eine möglichst gute Welt schaffen.“ Man kann die Spieltheorie einsetzen, um beide Welten zu gestalten. Allerdings gibt es eine recht klare Vorhersage, dass sich die Menschen in der Summe im Kapitalismus wohler fühlen werden, weil dieser eher Anreize setzt, dass sich die Menschen entfalten können.

 

 

7 - Was lässt sich aus Perspektive der Spieltheorie zum Konflikt "Links gegen Rechts" sagen?

 

Das muss ich noch einmal ausführlicher in einem Video darstellen, aber hier die Grundidee: Links will hier und jetzt helfen, auch wenn die langfristigen Folgen nachteilig sind; rechts sieht es genau andersherum. Die Kunst für eine gute Staatsführung besteht darin, beide Aspekte angemessen zu berücksichtigen. Als Faustregel kann man sagen: Rechts wirkt kurzfristig herzlos, links wirkt langfristig dumm.

 

 

8 - Was sind die wichtigsten spieltheoretischen Erkenntnisse abseits von Wirtschaft und Politik, beispielsweise für das Themenfeld Partnermarkt, Ehe und Familie?

 

Hier schummeln Sie mir den Inhalt mindestens eines Buches unter. Ich glaube, dafür müssen Sie warten, bis ich dieses Buch geschrieben habe oder bis dahin meine Videos auf YouTube ansehen;-)

 

 

9 - Eins Ihrer YouTube-Videos hat den Titel "SUV kaufen ist rational", ein anderes Video heißt "Warum CO2-Sparen das Gegenteil bewirkt" - wurden Sie für diese Videos angefeindet?

 

Die Kommentare sind bis jetzt fast alle recht sachlich. Auch diejenigen, die gegen meine Aussagen argumentieren, haben interessante Ideen und bringen mich jedesmal auf viele neue Ideen.

 

 

10 - Wie steht es derzeit in Deutschland generell um die Meinungsfreiheit und was gibt es aus dem Blickwinkel der Spieltheorie für Erklärungen dafür?

 

Ich kann hier nur subjektiv antworten, also ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Nach meiner Einschätzung liegen wir in puncto Meinungsfreiheit im internationalen Vergleich noch recht gut, aber schlechter als vor einigen Jahrzehnten. Das liegt unter anderem daran, dass sich vermehrt eine Meinungsrichtung als moralisch überlegen fühlt und das Machtgleichgewicht aus dem Ruder gelaufen ist, sodass die verschiedenen Positionen nicht mehr als gleichwertig diskutiert werden. Jeder öffentliche Diskurs lebt aber davon, dass unterschiedliche Positionen sich gegenseitig respektieren. Diesen Respekt und das zugehörige Kräftegleichgewicht scheinen wir teilweise verloren zu haben, allerdings nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten westlichen Welt.

 

 

11 - In einem Ihrer Videos sprechen Sie über das staatliche Geldmonopol aus spieltheoretischer Sicht. Meinem Verständnis nach sieht die Spieltheorie das staatliche Geldmonopol recht positiv. Glauben Sie, dass wir in zehn Jahren noch den Euro haben? Falls ja, in welcher Form?

 

Sie sprechen hier zwei unterschiedliche Dinge an: 1. Ist ein staatliches Geldmonopol gut? 2. Ist der Euro gut? Bezüglich des staatlichen Geldes sehe ich den Vorteil, dass es dabei nicht zu einer Zersplitterung des Geldes kommt; dies wäre eine Gefahr bei konkurrierenden Privat-Währungen. Das heißt aber natürlich nicht, dass das gesetzliche Zahlungsmittel der Euro sein muss. Der Euro hat einige Konstruktionsfehler, allen voran, dass er Fehlverhalten nicht direkt genug und nicht schnell genug sanktioniert. Deshalb bin ich zum Euro nach wie vor sehr skeptisch eingestellt. Ich habe darüber sogar ein ganzes Buch geschrieben: „Rettung vor dem Euro“.

 

 

12 - Was sagt die Spieltheorie zum staatlichen Gewaltmonopol?

 

Die Spieltheorie beschäftigt sich oft damit, wie aus „anarchistischen“ Zuständen heraus geordnete Strukturen entstehen. Wenn man sich mit dem Hauen und Stechen der ungeordneten Welten beschäftigt hat, dann weiß man, welch großartige Erfindung ein Gewaltmonopol ist. Der afrikanische Kontinent ist davon geplagt, dass dort derartige Strukturen teilweise fehlen. Natürlich ist es bei einem solchen Gewaltmonopol wichtig, dass man das vorhin angesprochene Moral-Hazard-Problem in den Griff bekommt.

 

 

13 - Sie erläutern in einem Ihrer Videos, dass Strategeme keine Strategien sind, sondern Listen, Täuschungen und Gambits. Welche Strategeme sind aus Ihrer Sicht typisch für "den Staat" und welche typisch für private Akteure?

 

Nach meiner Einschätzung gibt es da keine systematischen Unterschiede. Gerade der Einsatz von List (also den Strategemen) ergibt sich oft aus der Situation heraus. Gerade deshalb ist daraus inzwischen auf meinem Kanal eine sehr interessante Playlist einstanden, die sich Viele durchgehend anzusehen scheinen.

 

 

14 - Falls jemand mehr über Spieltheorie lernen möchte, was empfehlen Sie ihm?

 

Wer wirklich einsteigen will, dem empfehle ich mein Buch Spieltheorie – eine Einführung. Aber Vorsicht, das Buch geht tiefer als die meisten wollen, denn es ist als Lehrbuch für Universitäten geschrieben. Wer erst einmal in das Gebiet hineinschnuppern will, der geht am besten auf meine Internet-Seite www.spieltheorie.de oder meinen YouTube-Kanal YouTube.com/ProfRieck (man kann auch einfach ProfRieck.tv in den Browser eintippen).