Ewige Wiederkunft


EWIGE WIEDERKUNFT. Ist nicht alles zyklischer Natur? Der Zyklus des Ein- und Ausatmens. Der Zyklus aus Tag und Nacht. Ebbe und Flut. Die vier Jahreszeiten. Wirtschaftliche Zyklen. Sich wiederholende Geschichte. Aufstieg und Fall, Expansion und Zusammenbruch. Sich immer wiederholende Muster und Abläufe in zwischenmenschlichen Beziehungen. Und, je nach dem woran du glaubst, der Zyklus aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

 

In ein paar Tagen beginnt der Zyklus eines Jahres von neuem. Willst du 2020 so leben wie du 2019 gelebt hast oder möchtest du diesmal etwas anders machen?

 

Bei Friedrich Nietzsche gibt es die Idee der ewigen Wiederkunft.

Die Ewige Wiederkunft des Gleichen ist ein zentraler Gedanke in seiner Philosophie, dem zufolge sich alle Ereignisse unendlich oft wiederholen.

 

Nietzsche schrieb:

Das grösste Schwergewicht. – Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: 'Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Große deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!' – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: 'du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!' Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem 'willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?' würde als das grösste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?

 

Der Gedanke, dass sich unser Leben immer und immer wieder genau gleich - auch mit allem Leid und all unseren Fehlern - wiederholt, kann sicher deprimieren. Zumal uns die ewige Wiederkunft in letzter Konsequenz unseres freien Willens beraubt. Es kann keinen freien Willen geben, wenn alles immer und immer wieder kehrt. Jeder Augenblick ist dann nur Teil eines bereits fest definierten endlosen Kreislaufs.

Gleichzeitig finden wir in der ewigen Wiederkunft jedoch auch Trost: Der Tod ist nicht das Ende, sondern lediglich Ausgangs- und Endpunkt eines Zyklus.

Viel wichtiger jedoch: Die ewige Wiederkunft unterstreicht die Bedeutung unserer Handlungen im Jetzt. Was auch immer wir in der Gegenwart tun, wird immer und immer wieder zu uns zurück kommen. Ist das nicht die ultimative Mahnung, jeden Tag zu nutzen, sich anzustrengen und seine Träume zu verwirklichen?

 

Das Konzept der ewigen Wiederkunft beantwortet damit auch die Frage nach dem "Sinn des Lebens":

Er besteht darin, ein Leben zu leben, das du gerne immer und immer wieder genau so leben würdest.

 

Den Kreis der Zeit, den Nietzsche mit seiner ewigen Wiederkunft beschreibt, finden wir im Kontext von gesellschaftlicher Kontrolle auch bei George Orwell wieder:

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.

 

Was bedeutet das für uns als Individuen?

Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit, und wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Somit geht letztlich alle Kontrolle von der Kontrolle der Gegenwart aus. Und die Gegenwart besteht immer aus dem jetzigen Augenblick. Das impliziert, dass derjenige die Zukunft kontrolliert, der Herr und Meister seiner Zeit ist. Nur wer seine Lebenszeit ganz bewusst verwendet, kann sich ein Leben aufbauen, dass er gerne immer und immer wieder genau gleich leben würde.

 

Auch Nietzsche selbst betont die Bedeutung des einzelnen Augenblicks. Er beschreibt als Zarathustra in Vom Gesicht und Rätsel zwei Wege:

Einer kommt aus der Vergangenheit, einer aus der Zukunft. Sie treffen sich an dem Torweg, wo ich jetzt stehe. Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus - das ist die andre Ewigkeit. Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stoßen sich gerade vor den Kopf: - und hier, an diesem Torwege, ist es, wo sie zusammenkommen. Der Name des Torwegs steht oben geschrieben: 'Augenblick'.

 

Wir haben also einerseits die Betonung des einzelnen Augenblicks, des Jetzt, als einzig möglichen Ansatzpunkt für unser Handeln - und andererseits die Ahnung, dass unsere lineare Wahrnehmung von Zeit vielleicht nur einem kleinen Ausschnitt der Realität entspricht und sie in Wahrheit - wie die Jahreszeiten und unsere Atmung - zyklisch verläuft.

 

Dass Zeit konträr zu unserer Wahrnehmung nicht rein linear verläuft, korrespondiert auch mit Quantenphysik und Relativitätstheorie: Seit Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie wissen wir, dass die Gravitationswirkung großer Massen die Zeit dehnt. Eine Uhr läuft deshalb im Tal ein klein wenig langsamer als auf einem Berggipfel – das ist tatsächlich messbar. Verschiedene Phänomene der Quantenmechanik wie beispielsweise Überlagerung und Verschränkung stellen unser gewöhnliches Verständnis von Zeit noch weiter in Frage.

 

Und auch in der nordischen Mythologie ist die Idee von nicht-linearer Zeit angelegt: Die Nornen, die drei Schicksalsfrauen, sitzen am Fuße des Weltenbaumes Yggdrasil und spinnen Ihre Schicksalsfäden. Sie heißen Urd, Verdandi und Skuld und stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sind älter als alle Götter und sogar älter als der Urzeitriese Ymir, aus dessen Leichnam Odin und seine Brüder die Welt erbauten. Die Nornen haben keinen Ursprung, sie sind älter als die Welt und ihr Schicksalsfaden kontrolliert sogar die Götter. Und Urd, Verdandi und Skuld spinnen ihre Schicksalsfäden, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gleichzeitig - woraus sie das Wyrd, das allgemeine Geschick der Welt, weben. Das bedeutet, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig stattfinden. Oder vielleicht besser, dass die drei Zeitebenen parallel existieren - eine Idee, die beispielsweise auch in der Serie Dark ein fundamentale Rolle spielt.

 

Einerseits haben wir also sowohl bei Nietzsche als auch in der Physik und in der nordischen Mythologie Argumente für ein alternatives Zeitverständnis - was tendenziell die Idee von Vorbestimmung, von Schicksal, stützt. Denn wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht rein linear der Reihe nach ablaufen, in wie weit können meine Handlungen, aufs ganze Wyrd gesehen, dann wirklich einen Unterschied machen? In einer sowohl nach vorne als auch nach hinten unendlichen Zeit, in der alles bereits geschehen ist und immer und immer wieder geschehen wird, gibt es nichts mehr zu wollen, zu kämpfen, zu erreichen - man kann nur brav das vorgegebene Programm abspulen.

Und andererseits haben wir eben sowohl bei Nietzsche und Orwell als auch in der nordischen Mythologie die Wichtigkeit der Gegenwart, des Augenblicks, als einzigen Ansatzpunkt zur Selbstbestimmung unseres Lebens. Handeln, und damit vielleicht unser Schicksal beeinflussen, können wir immer nur im Jetzt.

 

Die Idee das eigene Schicksal durch Taten selbst zu bestimmen drückt sich z.B. in der nordischen Mythologie durch Odins Selbstopfer für sich selbst aus. Sein Handlungen implizieren den Glauben an Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle des eigenen Schicksals. Und auch betont Nietzsche ja immer wieder, dass der Mensch sich seinen Wertekompass selbst konstruiert - und womit könnte man sein Schicksal wohl fundamentaler selbst beeinflussen, als mit der Wahl der eigenen Werte, des eigenen seelischen Nordsterns?

Gleichzeitig muss aus einer konsequent deterministischen Perspektive natürlich genau diese Wahl als vorbestimmt betrachtet werden. Ein scheinbar unauflösbarer Knoten - und vor allem - was bedeutet all das für unseren Alltag, für unser Leben in der Gegenwart?

 

Liegt die Lösung vielleicht darin, freien Willen und Vorbestimmung miteinander zu vereinen?

Odin, als archetypischer Adept des Pfades zur linken Hand, glaubt offenbar daran, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Seine Selbstopfer sind Ausdruck von Eigenverantwortung, und Eigenverantwortung braucht niemand übernehmen, der glaubt, das Schicksal sei unverrückbar. Doch als Odin die letzten Tage, Ragnarök, den Weltenbrand, vorhersieht, erkennt er, dass er und die anderen Götter diesem Schicksal nicht entgehen können. Der Tod ist gewiss, und trotzdem, oder gerade deswegen, ziehen sie entschlossen in die letzte Schlacht.

 

Widersprüchlich, oder? Die Ermordung Ymirs, die Erschaffung der Welt, Selbstopfer und das Streben nach Weisheit auf der einen Seite - die schicksalsergebene Akzeptanz des eigenen Untergangs auf der anderen Seite.

Das impliziert, dass Schicksal und freier Wille sich nicht gegenseitig ausschließen. Die Nornen spinnen den Schicksalsfaden, aber sind Ihre Spinnräder fein genug für jedes Detail? Werden vielleicht nur die größten Ereignisse fest mit einander verknüpft, während dazwischen Raum für freien Willen bleibt? Bin ich so wichtig, dass die Nornen sich die Mühe machen, mein Leben in ihren Schicksalsfaden zu spinnen?

 

Ich glaube an freien Willen zu einem gewissen Grad. Ich wurde geboren, das kann ich nicht beeinflussen. Ich werde sterben, das kann ich nicht beeinflussen. Aber alles dazwischen? Dazwischen entscheide ich mich dazu, an meinen freien Willen zu glauben. Und mit diesem freien Willen kann ich mein Leben zu einem gewissen Grad selbst bestimmen.

 

Die Entscheidung, an freien Willen zu glauben, ist zwar fundamental, aber für sich genommen rein abstrakt. Erst durch tatsächliche Handlungen in der physischen Welt wird dieser Glaube wirksam. Und die große Mehrzahl unserer Handlungen vollziehen wir unbewusst, auf Autopilot, aus Gewohnheit.

Und eben diese Gewohnheiten bestimmen zu einem Großteil den Lauf unseres Lebens. Wir Menschen sind die sprichwörtlichen Gewohnheitstiere.

 

Wir sind das was wir wiederholt tun. Vorzüglichkeit ist daher keine Handlung, sondern eine Gewohnheit. - Aristoteles

 

Wenn du ein selbstbestimmtes Leben leben willst, dann musst du dein Gewohnheiten kontrollieren - statt dich von deinen Gewohnheiten kontrollieren zu lassen. Das bedeutet, dir Gewohnheiten anzueignen, die dich Tag für Tag deinen Zielen ein kleines bisschen näher bringen.

 

Diese sinnvollen Gewohnheiten, die du dir absichtlich erschaffen hast, sind Rituale. Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt. Sie wird häufig von bestimmten Wortformeln und festgelegten Gesten begleitet und kann religiöser oder weltlicher Art sein, z.B. Gottesdienst, Begrüßung, Hochzeit, Begräbnis, Aufnahmefeier und so weiter.

 

In unser entzauberten Welt wirkt das Wort Ritual zunächst weltfremd. Vermutlich ist bisher nichts in deinem Alltag verankert, das du Ritual nennst. Bewusst gewählte Rituale können jedoch äußerst sinnvoll sein.

 

Rituale sind sinnvoll, wenn sie dich in irgendeiner Weise stärker machen. Damit meine ich sowohl körperliche als auch mentale Stärke und Wissen. So könntest du beispielsweise morgens beim Kaffee 5 Minuten lang etwas dazu lernen, etwa in dem du ein YouTube-Video über eine deiner Interessen schaust oder darüber liest und dir Notizen dazu machst. Ein simples Morgen-Ritual. Das entscheidende ist die Regelmäßigkeit.

 

Für mich persönlich ist seit über 10 Jahren Krafttraining ein regelmäßiges Ritual.

Das kalte Stahl im Gym, große Übungen wie Kreuzheben, der Protein-Shake beim Training - alles Teil des ritualisierten Kampfes für ein selbstbestimmtes Leben. Wie willst du dein Leben im Griff haben, wenn du nicht mal deinen Körper im Griff hast?

Diese Rituale finden in meinem Tempel statt. Ein Tempel ist ein Ort an dem Gläubige rituelle Handlungen vollziehen.

Ich glaube an mich selbst und an meine Kraft. Meine Rituale sind Konzentration, schweres Eisen und harte Sätze. Mein Tempel ist das Gym, der Kosmos von Stahl, Schweiß und Disziplin.

 

Früh aufstehen ist ein weiteres sinnvolles Ritual. Wenn die Welt noch schläft hast du Zeit für dich. Ich persönlich stehe werktags um 0445 auf - das gibt mir mindestens eine Stunde, in der ich ungestört daran arbeiten kann, voran zu kommen. So beginnst du den Tag mit einer Stunde Arbeit an dir bzw. für dich selbst und weisst schon auf dem Weg zur Arbeit, dass du heute bereits etwas sinnvolles getan hast.

 

Sowohl Krafttraining als auch um 0445 aufzustehen sind Rituale, die für mich Sinn machen. Für dich machen vielleicht ganz andere Rituale Sinn. Mein abschließender Appel ist jedoch, dir ein Ritual zu erschaffen, dass wahrscheinlich für fast jeden Menschen sinnvoll ist:

Nimm dir jeden Sonntag eine halbe Stunde Zeit und setz dich mit einem Getränk und Schreibzeug hin und stell dir folgende Fragen:

Habe ich die ausklingende Woche so gelebt, dass ich sie gerne immer und immer wieder genau so leben würde?

Falls ja, was muss ich tun, damit ich auch weiterhin so leben kann?

Falls nein, was muss ich tun, damit ich die erste Frage am nächsten Sonntag mit Ja beantworten kann?

 

Und einmal im Jahr, zum Jahreswechsel, wenn ein Zyklus endet und einer neuer beginnt, stell dir die gleichen Fragen bezogen auf das ausklingende Jahr.

 

Du bist der Herr & Meister deines Lebens - lass dich nicht von deinen Umständen und deinen Gewohnheiten kontrollieren, sondern kontrolliere deine Umstände und deine Gewohnheiten.

 

You are the master of your thought, the molder of your character, and the maker and shaper of your condition, environment, and destiny. ― James Allen

 

Dir sinnvolle Rituale zu erschaffen ist dabei ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Selbstermächtigung.