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Interview mit Heidan Frihals


Christian betreibt unter heidan-frihals.de einen Blog rund um das germanische Heidentum, der natürlich auch die nordische Mythologie mit einschließt. Auf Instagram findet man ihn ebenfalls unter @heidan.frihals, wo er eigene Fotos und Texte im gleichen Kontext veröffentlicht. Nachdem ich vor Kurzem auf seinen Content aufmerksam geworden bin, hatte ich ihn aufgrund des gemeinsamen Interesses um ein Interview gebeten, dem er freundlicherweise zugestimmt hat. Im Folgenden meine neun Fragen und Christians Antworten.

 

 

1. Wie bist du zum germanischen Heidentum und nordischer Mythologie gekommen?

 

Vor Jahren hatte ich mir mal einen Thors-Hammer im Wikinger-Museum in Ribe (Dänemark) gekauft. Das geschah allerdings mehr in der Absicht eines Andenkens an den Urlaub, als aus irgendeiner Überzeugung heraus. Vom Heidentum hatte ich zu dieser Zeit keinerlei Kenntnis. Dementsprechend trug ich den Hammer dann auch, bzw. eben nicht. Eigentlich lag er nämlich die folgenden Jahre nur im Schrank.

Bis ich eines Nachts einen ziemlich intensiven Traum (den Inhalt behalte ich für mich) hatte, an dessen Ende ich erwachte und das brennende Verlangen hatte, diesen Thors-Hammer sofort umzulegen. Es klingt verrückt, aber so war es. Also kramte ich den Hammer heraus, legte ihn um und begann noch am gleichen Tag damit, mir Bücher über die nordische Mythologie zu besorgen und sie zu lesen. Es war wirklich eine Art Weckruf aus dem Nichts, für den ich den Göttern heute noch sehr dankbar bin. Den Hammer trage ich, vier Halsketten später, heute immer noch.

 

 

2. Du schreibst in deinem Blog „In meinem Leben spielen Wōdan (auch Wuotan oder Odin), Donar (Thor oder Thunaer), Frigg, Eir und die vielen anderen Gottheiten, aber auch die beseelte Natur von Mutter Erde (Jörd / Hlóðyn) und die Wesen der Orte eine große Rolle.“

Was bedeutet das für dich konkret, auf welche Weise spielen die Götter und die Natur eine große Rolle für dich?

 

Diese Zeilen entstammen dem Bereich „Über mich“ meines Blogs. Damit wollte ich dem Leser grob darlegen, was mir im Leben wichtig ist. Konkret bedeutet es zum einen, dass die Gottheiten und Wesen in meinem täglichen Leben eine Rolle spielen. Nicht nur an den Jahreskreisfesten und zu anderen besonderen Anlässen. Ich rufe sie an, erlebe sie und fühle sie bei mir. In der Natur, in der ich mich gerne aufhalte, nehme ich sie sehr bewusst wahr und bei Autofahrten kommt es nicht selten vor, dass ich kurzerhand rechts ranfahre, innehalte und ihre Kraft erlebe.

Andererseits sind die Götter natürlich auch in schweren Zeiten Freunde und mächtige Verbündete. Wir alle haben wohl bereits schlimme Momente durchlebt. Egal ob durch schwere Krankheiten oder andere unschöne Ereignisse. Hier kann ich mit Ritualen Kraft tanken, um Hilfe und Unterstützung für mich oder andere bitten und so manche Situationen im Leben besser meistern.

 

 

3. Welcher Gott ist dir persönlich am liebsten oder wichtigsten und warum?

 

Grundsätzlich sind mir natürlich alle Götter wichtig und ich würde nicht soweit gehen und einen Gott als mein Fulltrui bezeichnen. Allerdings ist Odin für mich schon sehr präsent und prägend. Seine diversen Charakterzüge, sein Streben nach Wissen und auch seine Einäugigkeit: All das ist mir sehr nah und vertraut.

 

 

4. Beispielsweise in deinen Blog-Artikeln Mittsommer-Blot 2019 und Haustblot 2019 berichtest du, wie du Götter anrufst und ihnen Opfer bringst. Gibt es für dich dabei einen Unterschied zwischen anrufen und anbeten? Wenn ja, welchen? Und wie definierst du Opfer in diesem Kontext?

 

Das Wort „Anbeten“ erweckt in mir die Assoziationen eines „von unten nach oben“. Wenn ich jemanden oder etwas anbete, dann bin ich zwar aktiv, aber eigentlich in einer passiven, abhängigen Rolle. Eine Anrufung hingegen ist etwas anderes. Ich rufe jemanden an, weil ich einen Kontakt aufbauen möchte. Das geschieht auf Augenhöhe. Auch gegenüber den Göttern und Wesen.

Das Opfer ist etwas, das ich freiwillig und gerne erbringe, um die Götter, Wesen und Ahnen zu ehren. Mein Opfer steht in der Tradition der früheren Opfer unserer Ahnen, ist aber natürlich neuzeitlich angepasst. Opferte man früher auch Tiere (Ziegen, Schafe, Rinder), so suche ich heute nach Dingen, die mir ähnlich wichtig sind oder in die ich Zeit und Herzblut investiert habe. Vor dem Winter ein Tier zu opfern war damals eine schwerwiegende Handlung, denn Fleisch und Fell konnte man selbst gut gebrauchen. Dennoch gab man es. In unserer heutigen Zeit ist da sicherlich mehr Symbolik enthalten, aber dennoch versuche ich immer von Wichtigem zu opfern, um die Bedeutsamkeit meines Anliegens/Rituals zu unterstreichen. Der liebste Single Malt, mühsam Gepflanztes aus dem eigenen Garten, selbst Gebasteltes oder Gemaltes (wenn die Kinder etwas geben möchten). Natürlich hat das nicht die dramatischen Konsequenzen wie der Verzicht auf einen Ziegenbock im 7. Jahrhundert aber es geht im Ansatz in diese Richtung.

 

[Anmerkung: Wie bei Christian weckt auch bei mir das Wort "Anbeten" negative Assoziationen. Jemanden anzubeten bedeutet sich ihm zu unterwerfen. Siehe "Götter".]

 

 

5. Was denkst du über Schicksal und Vorbestimmung? Einerseits bestimmen die Nornen auch das Schicksal der Götter, andererseits implizieren Odins Selbstopfer seinen Glauben an Selbstwirksamkeit und freien Willen.

 

Für mich stellt sich das so dar, dass Frigg den Schicksalsfaden spinnt und die Nornen diesen zum Wyrd verweben. Daher sind die Götter auch nicht allmächtig. Die Grundzüge sind in meinen Augen somit vorbestimmt und es gibt eine Art „Spielraum“, in dem die Götter agieren. Wo da allerdings die Grenze liegt, weiß außer den Nornen und Frigg wohl niemand.

In Bezug auf Selbstverwirklichung steht das für mich in keinem Widerspruch. Unser Schicksal mag gewoben sein, aber wir können uns darin frei bewegen und handeln.

 

[Anmerkung: Zustimmung, siehe auch "Schicksal".]

 

 

6. Wie siehst du die Beziehung zwischen Odin und Loki?

 

Da kann ich eigentlich nur auf das verweisen, was ich gelesen habe. So wie es die Mythologie besagt, verbindet die beiden etwas, was ihre Blutsbrüderschaft einmal gekrönt hat. Odin hält lange zu Loki, obwohl dessen Aktionen mitunter viel Zorn verursachten aber halt auch nicht nur. Andere wären beim Allvater vielleicht früher in endgültige Ungnade gefallen.

 

[Anmerkung: Ich persönlich bin Anhänger der Theorie, dass Loki mitunter die Drecksarbeit für Odin erledigt - zum Beispiel dafür zu sorgen, dass Baldr während der Ragnarök in Hel vor dem Weltenbrand geschützt ist und dadurch später Odins Nachfolge antreten kann.]

 

 

7. Welche Bedeutung bzw. Symbolik siehst du in Odins Abstammung?

 

Ich finde es sehr interessant, dass Odin Sohn eines menschengestaltigen Gottes und einer Riesin ist. Obwohl die Riesen bekämpft werden, treten sie manchmal auch in ein Verwandtschaftsverhältnis zu den Göttern und müssen daher auch differenziert betrachtet werden. Auf unsere heutige Zeit umgemünzt ergeben sich da durchaus Parallelen. Es ist nicht alles schwarz und weiß, denn es gibt Grautöne und am Ende sind wir alle miteinander verwandt. Das ist für mich auch ein entscheidender Punkt, weshalb Ausgrenzung, Selektion oder völkische Sichtweisen nicht mit ASATRU zusammenpassen. Odin ist der ALLvater, nicht der FÜREINIGEvater.

 

 

8. Es gibt im sprichwörtlichen Sinne „gute Christen“ – gibt es für dich auch „gute Heiden“? Wenn ja, was macht sie aus?

Das ist natürlich eine sehr subjektive Angelegenheit. Ein „guter Heide“ wäre für mich eine Person, die aufrichtig, ernsthaft und mit offenem Herzen in dieser „Religion“ unterwegs ist. Jemand, der die Götter, Wesen und Ahnen anruft, sie ehrt und ihnen dankt und niemanden aufgrund von z.B. Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht von dieser Möglichkeit ausschließt. Ein Mensch, der das Heidentum mit Leben füllt und die Götter und ihre Symbole nicht für politische Zwecke oder als „coole Accessoires“ missbraucht.

 

 

9. Wenn du einen einzigen Satz hättest, um bei jemandem das Interesse für germanisches Heidentum zu wecken, wie würde dieser Satz lauten?

Ich würde ein Zitat aus Friedrich Wilhelm Webers Epos „Dreizehnlinden“ wählen:

 

„Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht,

Und was unhold, bleibe ferne;

Unsere Zeugen sind die Götter,

Stummer Wald und stille Sterne.“