Es lebe der Tod


Auch als Heide ist der heutige Totensonntag eine gute Gelegenheit, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Wir alle werden sterben. Ich, du, unsere Väter, Mütter, Geschwister, unsere Familien und Freunde, deren Familien, deren Freunde. Alle Menschen die du mal kanntest, kennst und noch kennen lernen wirst. Und alle anderen Menschen. Alle werden sterben. All deine Vorfahren sind gestorben, du wirst sterben und all deine Nachfahren werden sterben. Kein Leben ohne Tod.

 

Den sicheren Tod kann ich so interpretieren, dass alle Anstrengungen, alles Streben, alles Leben, sinnlos ist. Wozu sich anstrengen, wenn ich am Ende doch sterben muss und nichts mitnehmen kann? Also lebe ich besser jeden Tag, als ob es mein letzter wäre und genieße was es zu genießen gibt.

 

Gleichzeitig kann ich den sicheren Tod jedoch auch als Antrieb, Motivation und Inneres Feuer verstehen. Warum warten, etwas aufschieben und Zeit vergeuden, wenn doch jeder Tag mein letzter sein könnte? Also beginne ich besser sofort, meine Träume zu verwirklichen und an mir und meinen Zielen zu arbeiten.

 

Beide Interpretationen sind in sich schlüssig, und im Grunde kannst du dich frei entscheiden, welche du wählst. Gleichzeitig führen sie zu völlig unterschiedlichen Lebenswegen mit ganz verschiedenen Ergebnissen.

 

Wenn ich den sicheren Tod so interpretiere, dass letztlich alles sinnlos ist, lande ich bei Nihilismus und Hedonismus. Dann dreht sich mein Leben um kurzfristigen Genuss, hohlen Spaß und möglichst ständige Ablenkung. Ständige Ablenkung vom eigentlichen Leben, und damit von meinem Schicksal der Sterblichkeit. Weil ich glaube, dass die Gewissheit des Todes meiner Lieben und meines Selbst alle Anstrengungen, alles Streben, alles Wollen und alles Kämpfen am Ende des Tages vergebens macht, bleibe ich lieber gleich auf der Couch. Wozu etwas versuchen, wozu sich die Mühe machen, wenn am Ende doch alles vergeht und nur Staub von uns bleibt?

 

Da in diesem Mindset der Tod allem seine Bedeutung und seinen Sinn stiehlt, ist der Tod hier auch etwas Schlimmes - und deswegen habe Angst vor ihm. Was das Sofa und die Ablenkung vom echten Leben noch attraktiver macht, denn echtes Leben ist Risiko. Echtes Leben versucht etwas, will etwas, strebt nach etwas, kämpft für etwas. Zum Beispiel eine Familie gründen, ein Unternehmen aufbauen, ein Projekt abschließen, oder einfach sein nächstes Ziel erreichen. Und immer wenn ich etwas versuche, für etwas kämpfe, dann gehe ich Risiken ein. Risiken im Sinne von Hindernissen auf dem Weg zum Ziel - und vor allem immer auch das Risiko des Scheiterns, das Riskio dass ich mich anstrenge, jedoch nicht erreiche was ich will, und mich bloß zum Affen mache. Also versuche ich doch lieber erst gar nichts und bleibe gleich auf der Couch.

 

Wenn ich den sicheren Tod hingegen so interpretiere, dass er mir als Antrieb dient, schlage ich einen ganz anderen Lebensweg ein. Mein Mindset ist dann, dass jeder Tag mein letzter sein könnte und ich deswegen keine Zeit auf der Couch zu verlieren habe und ich jeden Tag bestmöglich zur Erreichung meiner Ziele nutzen muss. Hier wird meine Sterblichkeit zur Motivation, zum Grund heute statt morgen zu handeln, meine Träume und Ziele im Jetzt zu verfolgen, statt sie immer wieder in die ungewisse Zukunft zu verschieben. Wie kann ich kostbare Lebenszeit verschwenden, wenn heute vielleicht die letzte Gelegenheit ist, meine Vor- und Nachfahren stolz zu machen? Wie kann ich guten Gewissens Tage, oder sogar Jahre, mit bloßem Konsum und Ablenkung verspielen, wenn jeder Tag ein kleiner Schritt in Richtung meiner Träume sein könnte?

 

In diesem Mindset ermahnt mich der Tod bewusst und im Hier und Jetzt statt in Prokrastination zu leben. Die eigene Sterblichkeit drängt mich, zu tun was zu tun ist und jeden Tag als Chance zu begreifen. Und da mein sicherer Tod auch alle Riskien relativiert, hilft er mir auch, frei von Angst zu leben. Denn was sind beispielsweise finanzielle Verluste oder soziale Blamagen im Vergleich zum Tod? Und selbst Unfälle, Verletzungen oder ernsthafte Konflikte verblassen, verglichen mit dem sicheren Ende. Wenn ich mir immer wieder klar mache, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich sterbe, werde ich in vielen Situationen gelassener und ruhiger bleiben. Und wenn ich gelassen und ruhig bleibe, kann ich bessere Entscheidungen treffen und komme besser durchs Leben. Todesgewärtigkeit, also sich stets seines eigenen Todes gewahr zu sein, ist deswegen auch Teil des Aristokratischen Rades, ein philosophisch-psychologisches Werkzeug, das ich in meinem Buch Vom Barbar zum Fürst ausgearbeitet habe.

 

Ich kann im Leben nur erreichen was ich will, wenn ich Risiken eingehe. Im Geschäftsleben, beim Sport, in der Liebe. Im wirtschaftlichen Kontext drückt sich die Verknüpfung von Chance und Risiko in Kennzahlen und Faktoren aus, beispielsweise im Immobiliengeschäft in der Maklerformel. Und auch in allen anderen Lebensbereichen sind Chance und Risiko die zwei Seiten der gleichen Medaille. Beispielsweise kannst du keine bedeutsamen Beziehungen eingehen, wenn du nicht öffnest und so Verletzungen riskierst. Nur wer wagt, kann gewinnen. Und immer, wenn es gilt ein konkretes Risiko einzugehen, hilft Todesgewärtigkeit dabei, die richtige Entscheidung zu treffen.

 

Da ist diese Möglichkeit, ein gutes Geschäft zu machen - aber gleichzeitig stecken da auch einige Risiken drin, ich könnte einiges an Geld verlieren. Würde mich der finanzielle Verlust umbringen? Nein. Läuft meine Zeit ab, überhaupt irgendwelche Geschäfte zu machen? Ja. Und da ist die Frau, die ich attraktiv finde - aber wie soll ich die ansprechen, ohne Zurückweisung zu riskieren? Würde mich die Zurückweisung umbringen? Was kann ich gewinnen und was kann ich verlieren? Was überwiegt in Anbetracht meines sicheren Todes, die Gewinnchance, die mich meinen Träumen näher bringt, oder das Risiko, das mich meistens nicht umbringen kann? Todesgewärtigkeit ist ein Werkzeug, um sich im Leben mehr an den Chancen als an den Risiken zu orientieren.

 

Alle Ängste sind letztlich Angst vorm Tod. Beispielsweise soziale Ängste: In unserer evolutionären Vergangenheit bedeutete der Ausschluss aus der Gemeinschaft den Tod, niemand konnte sich auf Dauer alleine gegen Säbelzahntiger verteidigen. Dein Ansehen in deinem Stamm war also in letzter Konsequenz lebenswichtig. Kein Wunder also, dass unsere Gehirne soziale Ängste sehr ernst nehmen. Nur gibt es heute keine Säbelzahntiger mehr. Sind die Ängste, die dich im Leben zurückhalten also wirklich gerechtfertigt?

 

Bei Friedrich Nietzsche gibt es das Konzept von Amor Fati, der Schicksalsliebe. Größte Lebensbejahung besteht demnach darin, sein Schicksal nicht nur akzeptieren, sondern es zu lieben. Und unser aller Schicksal ist es, eines Tages zu sterben. Maximale Lebensbejahung ist somit immer auch Bejahung des Todes. Nur wer innerlich Frieden mit seiner Sterblichkeit gemacht hat, kann angstfrei und wahrhaftig leben.

 

Angst vorm Tod und als untoter Konsum-Zombie auf der Couch bleiben - oder sich mit Herrn Tod anfreunden, über seine schlechten Witze lachen und angstfrei ein echtes Leben leben - ganz allein deine Entscheidung.