Götter


Ich bin kein Christ und bis vor kurzem wusste ich auch nicht, dass der Gott in der Bibel einen Namen hat.
Er heißt JHWH oder Jahwe.
                                                                                         
Im 2. Buch Mose, Schemot auf hebräisch und Exodus auf deutsch, stellt er sich vor.
Das 2. Buch Mose ist das zweite Buch des jüdischen Tanach und des Alten Testaments der Christen.
Mir war bisher ehrlich gesagt gar nicht bewusst, dass der Gott der Juden und Christen so explizit der gleiche ist.
                                              
Jedenfalls stellt sich dieser Gott im 2. Buch Mose folgendermaßen vor:
„Ich bin JHWH, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Sklavenhaus, herausgeführt hat.
Du sollst keine andern Götter haben neben mir.“
                                                
In der Bibel ist JHWH der gnädige Befreier und gerechte Bundespartner des erwählten Volkes Israel und zugleich der Schöpfer, Bewahrer, Richter und Erlöser der ganzen Welt.
                                                                              
Im Judentum ist die Verwendung des Eigennamens im Laufe der Zeit verboten wurden und meist wird statt Jahwe einfach "Gott" oder "der Herr" gesagt. Im Christentum hat sich das größtenteils auch durchgesetzt. Welcher Name oder Titel verwendet wird, scheint aber vor allem von der jeweiligen Übersetzung der Bibel abzuhängen. So verwendet die "Neue evangelistische Übersetzung" im Alten Testament durchgängig "Jahwe" statt "Gott" oder "der Herr."
                                                    
Namen sind zwar Schall und Rauch, gleichzeitig ist es einfacher, Jahwe mit Odin, Set und beliebigen anderen Göttern zu vergleichen, als "Gott" oder "den Herrn" mit anderen Göttern zu vergleichen. 
Wenn wir von Shiva, Thor, Set, Odin, Zeus, Mars und Co. sprechen und dann Jahwe sagen, wenn wir über den biblischen Gott sprechen, dann stellen wir alle namentlich genannten Götter sprachlich erstmal auf eine Stufe.
Das Verbot, den biblischen Gott bei seinem Namen zu nennen, hebt ihn hingegen im Sprachgebrauch von anderen Göttern ab und erschwert Vergleiche. Was natürlich im Interesse von Jahwe und seinen Anhängern ist, sollen diese doch keine anderen Götter neben Jahwe haben. 
                                                                   
Dass Jahwe direkt bei seiner Vorstellung im 2. Buch Mose fordert, dass die Menschen keinen anderen Gott neben ihm haben sollen, hat ja an sich auch schon einen merkwürdigen Beigeschmack. Wenn er omnipotent und allmächtig wäre, hätte er dann wirklich solche eine Aufforderung nötig? Diese Aufforderung, alle anderen Götter zu ignorieren, spricht eher dafür, dass Jahwe eifersüchtig und unsicher ist. Wenn er tatsächlich der einzige Gott wäre, dann wäre der Appell keine anderen Götter neben ihm zu haben, schlicht überflüssig - er hätte ja gar keine Konkurrenz. Und wenn es zwar noch andere Götter neben ihm gibt, die ihm aber einfach nicht das Wasser reichen könnten, dann wäre der Appell auch überflüssig - da er selbstevident einfach der größte Gott wäre und die Menschen ganz von allein ihn auswählen würden. 
                                                                     
Auf jeden Fall versucht Jahwe schon ganz am Anfang seiner Karriere, direkt bei seiner Vorstellung, die Kontrolle an sich zu reißen.
Das ist so, als wenn du ein Date hast, ihr euch gerade beschnuppert und beginnt euch kennen zu lernen, und dein Gegenüber dir schon beim ersten Treffen sagt: "Ich bin Cheyenne-Chantal, die neue Frau deines Lebens. Du sollst ab sofort keine anderen Frauen mehr beachten und dich ganz auf mich konzentrieren." 
Würdest du dich auf eine Beziehung einlassen, die so beginnt?
Oder würdest du die darin enthaltene Unsicherheit und den damit einhergehenden Kontrolldrang als riesen Warnsignal betrachten und dir eine andere Göttin suchen?
                                                                   
Dadurch, dass Jahwe seinen Anspruch auf Alleingültigkeit explizit ausspricht, besteht ab diesem Zeitpunkt implizit auch die erste Regel, die zu befolgen ist. Jahwe hat gesagt, dass du keine anderen Götter neben ihm haben sollst - und wenn du doch anderen Göttern deine Aufmerksamkeit schenkst, dann verstößt du gegen diese Regel. Von Anfang an schränkt Jahwe also den Horizont der Menschen ein und versucht das Denken der Menschen auf einen gewissen Bereich, mit Jahwe als Mittelpunkt, zu beschränken. Freiheit sieht anders aus. 
An diesem Punkt beginnt die Teilung der Menschen in zwei Gruppen: Die Mehrzahl, die Jahwes Forderungen befolgt, gehorsam ist und den rechten Weg durchs Leben geht. Und die Minderheit, die Jahwes Autorität in Frage stellt, ungehorsam ist und den Pfad zur linken Hand einschlägt.
                                                                   
Göttern Aufmerksamkeit zu schenken und ihre Autorität anzuerkennen drückt sich ja insbesondere im Anbeten des jeweiligen Gottes aus.  Einen Gott anzubeten bedeutet dabei immer auch, sich ihm zu unterwerfen. Zum Gebet niederzuknien oder Opfer darzubringen sagt aus: "Ich bin schwach und dumm und schaffe es nicht alleine, bitte hilf mir! Dafür unterwerfe ich mich deiner Autorität und deinen Regeln und glaube an dich!" 
Beten ist Unterwerfung und gleichzeitig der Versuch, aus einer Position der Schwäche einen Deal auszuhandeln. 
Würdest du dich gegenüber Menschen so verhalten? Würdest du dich einem Menschen unterwerfen und hoffen, dafür belohnt zu werden?
                                                            
Menschen empfinden vielleicht Mitleid, oder ein Gefühl der Fürsorge, für einen Menschen der sich ihnen unterwirft. So wie für ihren Hund. Der Sklave unterwirft sich seinem Herren - dafür wird er nicht ausgepeitscht und bekommt zu essen und ein Dach über dem Kopf.
Aber Götter? Empfinden die Mitleid und lassen sich davon beeinflussen? Bist du so wichtig, dass der Gott deiner Wahl sich für dich interessiert und aufgrund deiner Gebete, deiner Unterwerfung, ins Geschehen eingreift?
                                                  
Vielleicht ist es klüger, Götter lediglich als Inspiration zu sehen statt sich ihnen zu unterwerfen und sie anzubeten. Beispielsweise Odins Streben nach Weisheit und seine Selbstopfer für sich selbst. Odin strebt stets danach, zu lernen, klüger, weiser und damit mächtiger zu werden. Und auf diesem Weg der Selbstermächtigung bringt er immer wieder Opfer, beispielsweise sein eines Auge. Was Odin nie tut, ist jemand anderes zu fragen, was richtig und falsch, geschweige denn gut und böse, ist. Odin entscheidet stets selbst was richtig und falsch ist - jenseits von Gut und Böse. 
                                           
Zu beten, und sich damit zu unterwerfen, steht im fundamentalen Widerspruch zur Ermächtigung des Selbst. Sobald ich mich einer höheren Autorität, wie einem Gott, und deren Regeln unterwerfe, entscheide ich nicht mehr selbst, was richtig und falsch ist. Statt dessen habe ich dann meine Eigenverantwortung und damit meine Freiheit abgegeben. Das ist einer der Gründe, warum man Buchreligionen wie das Christentum mit Sklavenmoral und Herde assoziieren muss.
                                 
Interessant ist in diesem Kontext auch, dass Odin im Gegensatz zu Jahwe meines Wissens nirgendwo fordert, dass man an ihn glauben soll, geschweige denn, dass man andere Götter ignorieren soll. Odin macht einfach sein Ding und interessiert sich einen Scheißdreck dafür, ob du an ihn glaubst oder nicht. Er scheint das wohl im Gegensatz zu Jahwe nicht nötig zu haben.
                                                                    
Denn Odin glaubt an sich selbst. An sein Potential und an seine Macht. Und wer an sich selbst glaubt, der braucht weder Gläubige noch Götter.