Schicksal


Ist unser Leben vorbestimmt oder das Ergebnis unserer Entscheidungen?
Schicksal oder freier Wille?
                                                                    
In Die Matrix fragt Morpheus: "Glaubst du an das Schicksal, Neo?"
Neo verneint und Morpheus fragt: "Warum nicht?"
Neo antwortet: "Mir missfällt der Gedanke mein Leben nicht unter Kontrolle zu haben."
                                              
Wenn es keinen freien Willen gibt, dann sind all unserer Entscheidungen vorprogrammiert und stellen lediglich kausale Bindeglieder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar. Ob wir dabei denken, dass wir uns aus freiem Willen so entschieden haben, wie wir uns entschieden haben, spielt keine Rolle. Entscheidend ist nur, dass alles nach Plan verläuft - ob du das selbst so siehst oder nicht.
                                            
Aber Neo hat natürlich Recht: Das Konzept des Schicksals, der Vorbestimmung, der Predetermination, spricht uns die Kontrolle über unser Leben ab. Schicksal verneint freien Willen und damit Selbstbestimmung. 
                                                  
In der nordischen Mythologie gibt es die drei Schicksalsfrauen, die Nornen. Sie heißen Urd, Verdandi und Skuld und stehen für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie sitzen am Fuße des Weltenbaums und spinnen den Schicksalsfaden. Sie sind älter als alle Götter und sogar älter als der Urzeitriese Ymir, aus dessen Leichnam Odin und seine Brüder die Welt erbauten.
                                                         
Die Nornen haben keinen Ursprung, sie sind älter als die Welt und ihr Schicksalsfaden kontrolliert sogar die Götter.
Gleichzeitig ist Odins Streben nach Weisheit und seine Selbstopfer für sich selbst Ausdruck seines Willens zur Macht. Würde er sein Auge für einen Schluck aus Mimirs Brunnen opfern, wenn er nicht an den Nutzen der seherischen Kräfte glaubte, die er durch das Brunnenwasser erlangt? 
                                                                    
Odin, als archetypischer Adept des Pfades zur linken Hand, glaubt daran, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Selbstopfer sind Ausdruck von Eigenverantwortung, und Eigenverantwortung braucht niemand übernehmen, der glaubt, das Schicksal sei unverrückbar. 
                                                         
Doch als Odin die letzten Tage, Ragnarök, den Weltenbrand, vorhersieht, erkennt er, dass er und die anderen Götter diesem Schicksal nicht entgehen können. Der Tod ist gewiss, und trotzdem, oder gerade deswegen, ziehen sie entschlossen in die letzte Schlacht.
                                                     
Widersprüchlich, oder? Die Ermordung Ymirs, die Erschaffung der Welt, Selbstopfer und das Streben nach Weisheit auf der einen Seite - die schicksalsergebene Akzeptanz des eigenen Untergangs auf der anderen Seite.
                                                               
Das impliziert, dass Schicksal und freier Wille sich nicht gegenseitig ausschließen. Die Nornen spinnen den Schicksalsfaden, aber sind Ihre Spinnräder fein genug für jedes Detail? Werden vielleicht nur die größten Ereignisse fest mit einander verknüpft, während dazwischen Raum für freien Willen bleibt? Wenn das so ist, stellt sich mir die Frage: Bin ich so wichtig, dass die Nornen sich die Mühe machen, mein Leben in ihren Schicksalsfaden zu spinnen? 
Falls ja, haben sie hoffentlich nur das Beste mit mir vor. Falls nein, genieße ich freien Willen.
                                                                            
Ich glaube an freien Willen zu einem gewissen Grad. Ich wurde geboren, dass kann ich nicht beeinflussen. Ich werde sterben, das kann ich nicht beeinflussen. Aber alles dazwischen? Dazwischen entscheide ich mich dazu, an meinen freien Willen zu glauben.
                                               
[Dieser Text ist Teil meines zweiten Buchs, Kraft & Ausdauer, das voraussichtlich im ersten Quartal 2020 erscheint.]