Wofür würdest du sterben?

Heute morgen habe ich das neue Video meines Lieblings-YouTubers Gunnar Kaiser gesehen. Das heißt "Wofür würdest du sterben?". Also das ideale Thema beim morgendlichen Kaffee. Und in diesem Video, da baut der Gunnar so eine Art Dualismus auf: Auf der einen Seite ein Leben, das einem höherem Ideal oder höherem Ziel gewidmet ist - dieses Leben zielt auf etwas ab, deutet auf etwas hin, und bedeutet somit etwas. Auf der anderen Seite ein Leben, dass der Hängematte gewidmet ist, sprich sich nur "kleinlichen Lustgewinn" dreht - und damit bedeutungslos bleibt. So wie ich Gunnar verstehe, sieht er dann bei der Widmung des Lebens an das höhere Ideal oder Ziel das Problem, das "wir" zunehmend unfähig dazu sind - sich der eigenen Familie zu widmen ist zu anstrengend und für Gott und Vaterland steht auch schon lange keiner mehr von der Couch auf. Wir sind skeptisch gegenüber der Struktur des Religiösen, des Höheren, an sich. Gott ist tot. Also was bleibt? Hängematte und chillen statt nach den Sternen greifen - oder das was Gunnar in seinem Video Selbstverwirklichung nennt - und eben diese Selbstverwirklichung stellt er in in dem Video als Irrweg da - "und dann hat man ein selbstverwirklichtes Leben geführt aber ist total unglücklich." So landet man, wenn ich Gunnar richtig verstehe, dann über den Umweg der Selbstverwirklichung letztlich doch wieder depressiv auf dem Sofa und versucht seinen Schmerz mit Konsum zu unterdrücken.

 

Und das ist aus meiner Sicht ganz famoser Unsinn. Wenn sich jemand wahrhaftig selbst verwirklicht hat. dann hat er, zumindest gemäß meinem Verständnis des Wortes, sein Potential und seine Träume verwirklicht und ist garantiert nicht unglücklich. Nun könnte man natürlich jetzt an dem Wort "Selbstverwirklichung" herum definieren und hin und her diskutieren, aber viel sinnvoller scheint mir folgender Gedanke:

 

Es kommt letztlich nur darauf an, wer definiert, was gut = erstrebenswert = das höhere Ideal ist.

 

Unsere Skepsis gegenüber der Struktur des Religiösen rührt doch daher, das eben mit solchen Strukturen Kreuzzüge, Weltkriege und Genozide gerechtfertigt wurden, das damit die Massen mobilisiert und instrumentalisiert wurden.

 

Und die Alternative ist natürlich, den zu Mut haben, seinen eigenen Verstand zu benutzen und sich nicht von machtbegabten Personen erzählen zu lassen, was gut, richtig und das Ziel ist - sondern das eben selbst zu definieren.

 

Wenn deine "religiöse Struktur", dein höheres Ideal, in dir selbst ist, dann kannst du dich dem auch ohne Skepsis widmen - und Bedeutung finden.

 

Das könnte man wohl Wertschöpfung im zweifachen Sinne nennen - freie Menschen produzieren nicht nur Waren und Dienstleistungen, die ihnen einen selbstbestimmten Lebensunterhalt ermöglichen, sondern definieren, schöpfen, auch selbst die ideellen Werte, die religiösen Strukturen, die bestimmen, was gut und erstrebenswert ist.

 

Das ist der göttliche Funke im Menschen, die Fähigkeit zur Schöpfung.

 

In der nordischen Mythologie erschafft Odin die Welt aus dem Leichnam Ymirs nach seinen eigenen Vorstellungen, gemäß seiner kreativen Eingebung, und opfert sich selbst für sich selbst um die Gehemnisse der von ihm selbst erschaffenen Welt zu entschlüsseln.

 

Im Christentum erschafft Gott innerhalb von 6 Tagen die Welt und besah am siebten Tage seine Schöpfung und sah, dass es gut war.

 

Den von Gunnar konstruierten Dualismus von entweder bedeutungslos auf der Couch zu bleiben oder aber potentiell gefährlichen externen religiösen Strukturen nachzueifern, gibt es nicht.

 

Der Mensch braucht kein externes höheres Ideal, wen er den Mut hat, die Größe in sich selbst zu erkennen.

 

 

Im Menschen sind Geschöpf und Schöpfer vereint. Im Menschen ist Stoff, Bruchstück, Überfluss, Lehm, Kot, Unsinn, Chaos;

Aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Härte des Hammers, Göttlichkeit und der siebte Tag.

 - Friedrich Nietzsche