Politik ist keine Lösung

-Warum man Politik am besten ignoriert-
 
Die Regierung produziert selbst nichts, sie kann also nur mit Werten arbeiten, die andere erwirtschaftet haben.
Die Regierung muss dem einen etwas wegnehmen, damit sie dem anderen etwas geben kann.
Steuern und Umverteilung.
 
In einem gewissen Rahmen ist das wahrscheinlich sinnvoll - und eben dieser Rahmen wird grundsätzlich erstmal durch die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland definiert. Deutsche Regeln gelten in Deutschland, nicht in Frankreich. Französische Regeln gelten in Frankreich, nicht in Deutschland. In Deutschland eingetriebene Steuern und Sozialabgaben werden in Deutschland ausgegeben. In Frankreich eingetriebene Steuern und Sozialabgaben werden in Frankreich ausgegeben. 
 
Man kann sich dann definitiv über die Höhe der Abgabenlast streiten, aber die Bereitschaft etwas von seinem Einkommen an den eigenen Staat abzugeben ist grundsätzlich bei den meisten Menschen gegeben. Weil mit "dem eigenen Staat" ein gewisses Wir-Gefühl verbunden ist.
Im Sinne von wir Deutsche, wir Britten, wir Franzosen, wir Türken, wir Japaner und so weiter.
 
Dieses Wir-Gefühl hat ja faktisch keine klaren Grenzen sondern verändert sich mit der Zeit.
Es hat immer Einwanderung gegeben und manche Länder werden praktisch nur von Einwanderern bewohnt - nachdem die Ureinwohner größtenteils umgebracht wurden. Im Lauf der Zeit mischen sich verschiedene Menschengruppen und aus einem alten Wir entsteht ein neues Wir.
Zum Beispiel die französischen Hugenotten, die im 17. Jahrhundert unter anderem nach Brandenburg-Preußen auswanderten.
Die Familie De Maizière steht beispielhaft für Hugenotten und deren Nachfahren in Deutschland.
Niemand würde auf die Idee kommen, die aus dem deutschen Wir auszuschließen.
 
Diese historischen Einwanderungen waren wahrscheinlich auch oftmals nicht einfach für alle Beteiligten, aber im Laufe der Zeit hat man sich miteinander arrangiert und ein neues Wir entstand. Das funktionierte sicherlich auch immer über gemeinsame Arbeit.
Ich würde wetten, dass beispielsweise die türkischen und italienischen Gastarbeiter, die in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, teilweise zunächst von so manchem Deutschen nicht freundlich begrüßt wurden. Aber wer will heute noch auf die Dönerbude oder das Eiscafé um die Ecke verzichten? Wahrscheinlich verbindet wenig so zuverlässig wie Essen. Aber natürlich auch gemeinsame Arbeit, insbesondere wenn sie körperlich ist, wie in der Autoproduktion oder auf Baustellen.
 
Ab vom persönlichen Empfinden der einzelnen Bürger wächst das neue Wir ja faktisch auch durch die Zwangsabgaben an den Staat zusammen. Wenn ein Türke, ein Italiener und ein Deutscher zusammen bei VW Autos produzieren und sich das Finanzamt dann seinen Anteil holt, haben die drei schon mal gemeinsam in einen Topf eingezahlt. Aus diesem Topf wird dann, so Gott will, auch etwas Sinnvolles finanziert. Sagen wir mal die Schule, die die Kinder der drei Kollegen besuchen. Dieser Prozess verbindet auch und trägt im Laufe der Zeit zum neuen Wir bei.
 
Wenn dieser Prozess des Zusammenwachsens nun aber zunächst ausbleibt und das alte, steuerzahlende Wir das Gefühl bekommt, dass die Regierung im großen Stil die Steuergelder und Sozialabgaben des alten Wir veruntreut und damit Dinge finanziert, an dem das alte Wir kein Interesse hat, dann knarzt es im Getriebe.
 
Das impliziert ja, dass die Regierung und das alte Wir nicht identisch sind. 
Wie kann das sein, wenn doch alle Macht vom Volke ausgeht?
Müssten nicht alle Regierungsmitglieder Teil des alten Wir sein und dessen Interessen vertreten?
 
Den Riss zwischen altem Wir und Regierung hat sich die Bundesregierung inzwischen selbst bescheinigt.
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im Rahmen der Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung die Universität Osnabrück beauftragt, eben dieser Frage auf den Grund zu gehen. 
Das Forschungsprojekt Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der Deutschen Politik von 1998 bis 2015 kommt in der Kurzbeschreibung zu folgendem Ergebnis:
"Die Auswertung dieser Daten zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen den getroffenen politischen Entscheidungen und den Einstellungen der Bessergestellten, aber keinen oder sogar einen negativen Zusammenhang für die Einkommensschwachen."
Dass viele Menschen sich von unser repräsentativen Demokratie eben nicht repräsentiert fühlen hat also wissenschaftlich erforschte Gründe. Der Endbericht des Forschungsprojektes mit Stand 2. Juni 2016 kann auf der Homepage der Universität Osnabrück heruntergeladen werden. Er hat die ISSN 1614-3639.
 
Wenn nun also schon ein von einem Bundesministerium beauftragtes Forschungsprojekt zu dem Ergebnis kommt, dass es keinen oder sogar einen negativen Zusammenhang zwischen den getroffenen politischen Entscheidungen und den Einstellungen der Einkommensschwachen gibt - dann muss man sich eingestehen, dass die allgemeine Vorstellung von unserer Demokratie nicht stimmt.
Würde die Vorstellung von einem halbwegs fairen politischen System stimmen, so würde es zu einem Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten kommen und auch die Einkommensschwachen würden in der politischen Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. 
 
Die Regierung hat natürlich ein starkes Interesse, den Glauben an das offizielle Bild unserer "Demokratie" in den Köpfen der Bevölkerung aufrecht zu erhalten. 
Denn Menschen akzeptieren Entscheidungen viel besser, wenn Sie denken, dass sie an der Entscheidungsfindung beteiligt waren.
Deswegen stimmen wir ab, deswegen empfinden wir Mehrheitsentscheidungen als fair.
Warum sollte man gegen etwas rebellieren, an dem man selbst beteiligt war?
Um es mit Prof. Rainer Mausfeld zu sagen: Es gibt keine bessere Revolutionsprophylaxe als Demokratie.
 
Du, ich, unsere Eltern, wir alle sind in einer Welt aufgewachsen, in der "Demokratie" als normal, als selbstverständlich gilt. Wenn du aber etwas weiter zurückschaut und dich mit den verschiedenen Herrschaftssystemen in der Menschheitsgeschichte beschäftigst, muss dir eins klar werden:
 
Repräsentative Demokratie ist das, was die Eliten als Revolutionsprophylaxe installieren, wenn die Kosten der Repression zu hoch werden.
Jetzt könnte man sich lange mit dem Thema auseinander setzen, die Studie im Detail auswerten, viel darüber diskutieren, sich aufregen, voller Groll die Faust ballen und die ungerechte Welt verdammen. 
Oder die Dinge akzeptieren wie sie sind und sich darauf konzentrieren, selbst voran zu kommen.
Wir leben in einer Scheindemokratie, in der systematisch verzerrte Entscheidungen zu Gunsten der Einkommensstarken getroffen werden. 
Man könnte jetzt ausführlich die Vor- und Nachteile verschiedener Regierungsformen und Demokratievarianten diskutieren. Sich vielleicht für direkte Demokratie aussprechen, und feststellen, warum es schon prinzipiell nicht sein darf, dass der Vertreter des Souveräns mehr Macht als der Souverän hat. Werde ich aber nicht.
                    
Zeitverschwendung. Statt dessen akzeptiere ich, dass es in der ganzen Menschheitsgeschichte, in allen Staats- und Regierungsformen, und lange bevor es Staaten gab, immer eine Gruppe von Mächtigen gab, die über die Ohnmächtigen herrschte. 
Ist das moralisch in Ordnung? Scheiß Frage. Macht und Ohnmacht sind nicht Moral sondern Naturgesetz.
Die Dynamik zwischen Macht und Ohnmacht zu verteufeln ist ungefähr so klug, wie die Schwerkraft zu verfluchen, wenn du gestürzt bist oder dir bei einer wütenden Tirade gegen "das System" deine Kaffeetasse runter gefallen ist.
 
Die Frage ist nicht, ob das fair ist, sondern wo du deine Energie und Aufmerksamkeit investierst. 
Man kann unendlich viel Zeit damit verbringen, sich über all die Ungerechtigkeiten, all den Irrsinn, all die Fehler im System, aufzuregen.
Man kann unendlich viel darüber lesen, diskutieren, recherchieren, schreiben und schimpfen, aber welchen Effekt hat das?
Hast du damit irgendwem geholfen? 
Du magst nun vielleicht einwenden, dass es wichtig ist sich mit all dem zu beschäftigen und darüber aufzuklären, damit es zukünftig besser werden kann. Aber welchen Wirkungsgrad hast du dabei? 
 
Die Gefahr ist dich reflexiv über deinen Widerstand gegen "das System" zu definieren - dich als gut und gerecht zu sehen, bloß weil du gegen etwas bist. 
Dich so an deinem Widerstand aufzureiben, dass die Jahre ins Land gehen und du überhaupt nicht weiter gekommen bist.
Wenn du die Welt verbessern willst, dann fang bei dir an. Verbessere zuerst dein eigenes Leben, das Leben deiner Familie, der Menschen die dir wirklich wichtig sind, anstatt dich an Problemen abzuarbeiten, auf die du praktisch keinen Einfluss hast.
Anstatt zu fragen was scheiße ist und wogegen man protestieren und seine moralische Überlegenheit demonstrieren kann - frag dich was gut ist und wie du daran arbeiten kannst.
 
Und gut ist stark zu sein. 
Körperlich, mental, finanziell.
Denn wer kann mehr Gutes tun? Wer kann seine Leute besser unterstützen? 
Der Starke oder der Schwache?
Und was macht dich glücklicher?
Was glaubst du, wie du besser für deine Ideale und Wertvorstellungen eintreten kannst?
 
Ermächtige dich selbst anstatt auf Staat und Regierung zu warten um die Dinge besser zu machen.