Tribalismus vs. Individualismus

Wenn alle was ganz besonderes sind, ist niemand mehr besonders.
Wir leben ja in einer Welt, in der Individualität einerseits hochgehalten wird, andererseits aber eben diese Individualität in gewissen Grenzen zu bleiben hat und Toleranz zwar ständig eingefordert wird, aber nur für bestimmte Gruppen gelten soll. Meinungsfreiheit gilt nur für korrekte Meinungen.
 
Wer wird in der U-Bahn schräger angeguckt? Ein Soldat im Dienstanzug oder ein "total individuell und ein bisschen verrückt" gestylter Hipster?
Die Uniform ist heute das un-konforme, das ach so individuelle Styling das konforme. 
Das ist vielleicht ein gutes Beispiel für Nietzsches Umwertung aller Werte.
 
Natürlich kann sich jeder anziehen und stylen wie er will, es kommt auf die Werte dahinter an.
Mein persönlicher Eindruck ist jedenfalls, dass dieser gesellschaftliche Drang zur Individualität mit im Durchschnitt steigender Unzuverlässigkeit korrespondiert. 
Wer sich für etwas ganz besonderes hält, hat kaum Anreiz zu Verbindlichkeit, Loyalität und Zuverlässigkeit.
Wobei der Drang sich individuell abzuheben in unserer gleichgeschalteten Massengesellschaft natürlich gut nachvollziehbar ist.
 
Was da aber noch stärker wirkt ist schlicht und einfach der Mangel an Konsequenzen.
In unserer dekadenten Welt kommt man eben auch als unzuverlässiger, illoyaler und unverbindlicher Mensch durch.
Unsere Gesellschaft ist so verweichlicht, dass man sich praktisch alles erlauben kann.
 
Da kann man sich jetzt drüber aufregen, frustriert sein und schlimmstenfalls am Ende aus Resignation und Groll genau so werden.
Nach dem Muster "Wenn ihr scheiße seid, bin ich jetzt eben auch scheiße! Deine Unzuverlässigkeit zahle ich dir mit meiner Unzuverlässigkeit zurück!"
Das ist bockiges Kinderverhalten. Bist du dir dafür nicht zu schade?
Falsch bleibt falsch, auch wenn es alle so machen.
Richtig bleibt richtig, auch wenn es nur einer macht.
 
Der Mensch ist aber ein soziales Tier.
Das merkst du schon daran, dass deine Gedanken fast immer um andere Menschen bzw. deine Beziehung zu ihnen kreisen, wenn dein Gehirn gerade keine konkrete Aufgabe hat.
Der Mensch braucht feste soziale Bindungen, damit es ihm gut geht.
Wenn also dein soziales Umfeld Verhalten und Wertvorstellungen an den Tag legt, dass dir nicht gefällt, ist der erste Schritt, sich davon nicht auf das gleiche Niveau runter ziehen zu lassen.
Aber auf Dauer brauchst du Menschen, die deine Wertvorstellungen teilen. 
Du wirst sonst immer der einsame Wolf sein. Das mag vielleicht für den ein oder anderen cool klingen, ist es aber nicht.
Wölfe sind Rudeltiere, genau wie der Mensch. Einsame Wölfe sind verstoßene Wölfe.
Und der Einzelne ist schwächer als die Gruppe. 
Der einsame Wolf, der Einzelkämpfer, der Held, der niemanden braucht und alleine gegen den Rest der Welt kämpft, das gibt es in schlechten Filmen und Videospielen. Aber im Spiel des Lebens funktioniert das nicht.
 
Vor ein paar Generationen war der Durchschnittsmensch noch fest in seine Familie eingebettet.
Sehr viele Generationen weiter zurück war die Familie noch fest in den Stamm eingebettet.
Mit zunehmendem materiellen Wohlstand verlor das natürliche soziale Netz immer mehr an Bedeutung und der einzelne Mensch wurde immer individueller. Individualität und Unabhängigkeit sind an sich gut, aber ab einem gewissen Grad führen sie eben auch zur Isolation des Einzelnen. Was ist die richtige Balance zwischen individueller Freiheit und sozialer Stabilität? 
 
Scheiß Frage. Bessere Frage: Wem oder was ordnest du deine Individualität und Freiheit unter?
"Niemandem" würde bedeuten, immer seinen Impulsen zu folgen, auf niemanden Rücksicht zu nehmen und zwangsläufig zum einsamen Wolf zu werden.
Der Gegenpol wäre, sich jeglicher Autorität unterzuordnen, gefühlter und echter, es Allen recht machen zu wollen und somit niemanden, vor allem nicht dich selbst, wirklich glücklich zu machen.
Die Lösung kann nur sein, dir gut zu überlegen welche Menschen, Gruppen und Institutionen dir wichtig sind und wessen Meinung somit relevant ist. Wem gegenüber du dich erklären und rechtfertigen würdest. Wer wichtiger als deine Launen ist.
 
Schwach wäre im Privaten unzuverlässig und unverbindlich zu sein aber gleichzeitig konformistisch blind mit dem Zeitgeist zu gehen und unreflektiert zu tun, was die Autoritäten wollen. Die angepasste Konsum- und Arbeitsdrohne, deren Identität sich hauptsächlich darüber definiert, welche Marken sie kauft und wen oder was sie alles scheiße findet und die ihr Freiheits- und Unabhängigkeitsgefühl daraus zieht, dass sie keine festen Zusagen macht, immer unverbindlich bleibt und ach so frei ihren Launen und Stimmungen folgt.
Keine festen Bindungen und Verpflichtungen einzugehen ist nicht Freiheit sondern Feigheit. 
 
Stark hingegen wäre Zeitgeist und Autoritäten weitestgehend zu ignorieren und sich darauf zu konzentrieren, sich selbst und seine Gruppen in der Welt voran zu bringen. Sich nicht reflexiv darüber zu definieren, wen oder was man scheiße findet sondern darüber, was man gut findet und wie man diesen Idealen näher kommt. Und sich und seine Gruppen voran zu bringen erfordert natürlich Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Loyalität. 
 
Wer ist freier? Der einsame Wolf, der niemandem Rechenschaft schuldet und keine bindenden Verpflichtungen eingeht aber alleine umherstreift, alleine jagt und somit nur kleine Beute machen kann und vor Wolfsrudeln oder Bären nur flüchten kann?
Oder der Wolf im Rudel, der zwar Verpflichtungen und Hierarchie beachten muss, aber weder Bär noch andere Rudel fürchten muss?