Es gibt keinen Ausweg

Vor ein paar Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer Freundin. Es ging im Kern darum, ob sich ihre ganze Anstrengung lohnt.
Eine Frage die sich wahrscheinlich jeder mal gestellt hat, der sich im Leben anstrengt.
 
Um so größer unsere Anstrengungen und Wagnisse, um so mehr drängt sich diese Frage auf.
Warum tue ich mir das an?
Lohnt sich das überhaupt?
Warum kann ich nicht einfach das Leben genießen statt mir so einen Stress zu machen?
 
Um seine Ziele mit echter Überzeugung verfolgen zu können, bringt es nichts, diese Gedanken einfach bei Seite zu wischen.
So lange alles gut läuft und sich Erfolge einstellen, ist es leicht am Ball zu bleiben. Erfolg motiviert zu mehr Erfolg.
Aber in den Phasen, in denen wir nur noch arbeiten, uns anstrengen, kämpfen, ohne dass Erfolg sichtbar wird?
Dann verschwindet die Motivation. Um jetzt weiterzukommen und dieses Tal der Finsternis zu durchschreiten brauchst du Disziplin.
Stoische, kalte, harte Disziplin. Motivation kommt und geht, Disziplin bleibt.
 
Aber du wirst nur aus zwei Gründen diszipliniert bleiben:
Überzeugung und Angst vor der Alternative.
 
Wenn du nicht genau weisst, warum du dein Ziel verfolgst, wenn du nicht innerlich davon überzeugt bist, wirst du irgendwann aufgeben.
Dein Disziplin-Muskel wird irgendwann erschöpft sein, wenn du ihn nicht immer wieder mit Sinn und Bedeutung, deinem Warum, fütterst.
Motivation ist unbeständig und unzuverlässig, Disziplin kann ewig halten - aber nicht bedingungslos. Wenn du den Sinn nicht mehr siehst, wenn du nicht mehr weisst, warum du diszipliniert sein sollst, wirst du es auch bald nicht mehr sein.
 
Dein Warum kann ja positiv formuliert sein, du willst Ziel X erreichen, weil dir das Y bringt. 
Du willst zu etwas hin, willst etwas erreichen.
 
Dein Warum kann aber auch negativ formuliert sein. Du musst X weil sonst Y.
Du machst weiter, um die Konsequenzen des Aufgebens zu vermeiden.
 
In welcher Situation rennst du schneller?
Wenn du ein Wettrennen gewinnen kannst oder wenn ein hungriger Säbelzahntiger hinter dir her ist?
 
Die Chancen auf einen möglichen Gewinn treiben nicht so sehr an wie die Angst vor einem schmerzhaften Verlust.
Evolutionär gesehen auch total sinnvoll, überleben ist wichtiger als alles andere.
Aber in unserer heutigen Welt ohne Säbelzahntiger geht es meistens gar nicht ums Überleben, sondern um den Arsch hochkriegen oder auf der Couch bleiben. 
Und um zu überleben muss hier keiner mehr aufstehen. Wer will, kann es sich auch in der sozialen Hängematte bequem machen und ganztags auf dem Sofa bleiben.
 
Viel verlockender erscheint vielen aber eine vage Vorstellung von Normalität.
Der "normale" Job, meinetwegen 40 Stunden die Woche, ein "normales" Gehalt, ansonsten kein Stress, keine weiteren großen Verpflichtungen, das Leben genießen.
Darum ging es jedenfalls in dem zu Beginn besagten Gespräch.
Anstatt mehrere Jobs und ein Studium zu jonglieren, und praktisch täglich das Heute für das Morgen zu opfern, ein bisschen weniger Stress, ein bisschen mehr "Normalität". Das Studium hinschmeißen, einen "normalen" Job annehmen und Fünfe gerade sein lassen.
 
Die Konsequenzen des Aufgebens wären also physisch definitiv nicht tödlich.
Sind sie hier und heute ja praktisch nie. Wir geben ja wegen Ängsten auf, nicht weil uns physisch jemand an irendwas gehindert hat.
Die Geschäftsidee, die du aus Angst vor finanziellen Risiken nicht umgesetzt hast.
Den Flirt, den du aus Angst vor Zurückweisung nicht gewagt hast.
Die Verantwortung, die du aus Angst zu versagen nicht übernommen hast.
Da hindert dich niemand körperlich dran, das machst du mit deinen Gedanken schon selbst.
 
Was wäre also die Alternative zum Durchhalten, zum weiter durch Studium und Mini-Jobs quälen?
Was wären die Konsequenzen des Aufgebens?
 
Auf jeden Fall nicht "Normalität". Normal sind immer nur die anderen. Deine persönliche Geschichte mit all Ihren Ecken und Kanten wird immer bleiben. 
 
Eine Konsequenz wäre, jemand zu werden, der aufgibt. 
Wie willst du dich in 5 Jahren sehen, wenn Stress und Anstrengung von heute lange vergessen sind?
Als jemand der durchzieht oder jemand der aufgibt?
Jedes mal wenn du aufgibst, machst du Aufgeben für dich normaler, erhöhst die Wahrscheinlichkeit, in Zukunft wieder aufzugeben.
Willst du das?
 
Aber vielleicht noch wichtiger:
Aufgeben lohnt sich einfach nicht.
Wir fragen uns ob sich etwas lohnt für gewöhnlich nur in Bezug auf Anstrengungen und Wagnisse.
Setzen den erwarteten Gewinn an Geld, Glück, Freiheit ins Verhältnis zum Einsatz an Mühe, Zeit, Geld usw.
Nach dieser Logik würde uns Aufgeben einfach zurück zu Null bringen. Kein Einsatz, kein erwarteter Gewinn.
Zurück auf Start, zurück zu "Normal".
 
Dieses "Normal", dieser neutrale Startpunkt, ist aber leider eine Illusion.
In dem Moment, in dem du aufgibst und deine eigene Agenda nicht mehr verfolgst, wirst du Teil der Agenda eines anderen.
Du wirst immer noch Stress haben, du wirst immer noch arbeiten müssen, du wirst immer noch Dinge tun müssen, die du eigentlich nicht willst. Aber jetzt nur noch für dein ach so normales Gehalt in deinem ach so normalen Job um dein ach so normales Leben aufrecht zu erhalten. Und die Zeit, die durch dein Aufgeben gewonnen hast, wirst du nur selten genießen können. Meistens wirst du die gewonnene Zeit mit Grübeln und Sorgen verbringen oder dich mit Konsum aller Art davon ablenken. Das ist die Konsequenz von Aufgeben.
 
Aufgeben lohnt sich nicht, du kannst nichts gewinnen. Du kommst durchs Aufgeben nur wieder zurück an den Punkt, an dem du feststellst, dass das nicht alles gewesen sein kann und du etwas tun solltest. Aber jetzt ein Stück mehr verunsichert, da du ja weisst, dass du jemand bist der aufgibt, wenn es schwer wird.
 
Also mach dir bewusst, dass es keinen Ausweg gibt. Der Kampf namens Leben muss gekämpft werden. Dein Hirn, dein Herz, all deine Organe und dein Verstand werden immer arbeiten müssen. Und es wird immer auch negative Emotionen geben, es wird immer Dinge geben, die du tun musst, aber nicht tun willst, es wird immer Probleme geben. Du kannst lediglich die Qualität deiner Probleme verbessern. 
Es gibt kein stress- und sorgenfreies Normal. Lauf dieser Illusion nicht hinter her. Statt dessen tue was zu tun ist. Und wenn Stress und Anstrengung zu groß werden, akzeptiere das, lass dich nicht davon stressen, dass du gestresst bist, und ergreife kühl und rational Maßnahmen um dein Stresslevel zu reduzieren. Was meistens bedeutet, sich Überblick zu verschaffen, dann zu priorisieren, die aktuell wichtigste Aufgabe zu fokussieren, alles andere was gerade an deiner Aufmerksamkeit zehrt konsequent zu ignorieren und mit stoischer Gleichgültigkeit zu tun, was jetzt zu tun ist.