Wir

Am 1. August hat das Statistische Bundesamt in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass in 2017 rund 24 % der in Deutschland lebenden Menschen einen Migrationshintergrund haben. Tendenz steigend. Ich glaube die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist, braucht nicht mehr diskutiert werden. Das ist einfach ein Fakt, weder gut oder schlecht. Interessanter finde ich an dem Thema die Emotionalität, mit der die Debatte teilweise geführt wird. Da steckt ja viel Frustration und Enttäuschung drin - was ich je nach Perspektive auch gut verstehen kann. Ich kann mich allerdings nur von meinem Land verraten oder betrogen fühlen, wenn mich ein Wir-Gefühl mit ihm verbindet. Es gibt eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber der Nation, der man sich zugehörig fühlt, und die wird enttäuscht. Ohne Zugehörigkeitsgefühl keine Enttäuschung – ich bin ja beispielsweise auch nicht enttäuscht, wenn irgend ein Konzern, mit dem mich gefühlt nichts verbindet, seine Belegschaft entlässt. Aber warum sollte ich mich eigentlich der Bundesrepublik Deutschland zugehörig fühlen? Aufgrund Geographie und völkerrechtlicher Grenzen? Aufgrund gemeinsamer Geschichte? Weil ich Steuern zahle?

 

Ein Mensch kann ungefähr 150 soziale Beziehungen unterhalten (Dunbar-Zahl). Zu mehr halbwegs bedeutsamen menschlichen Beziehungen ist der Mensch kognitiv nicht in der Lage. Wenn ich also zu 150 der knapp 82.000.000 Menschen in Deutschland eine soziale Beziehung haben kann, warum sollte mich ein Wir-Gefühl mit mehr als diesen 150 Menschen verbinden? Weil irgend eine Fußballmeisterschaft ist? Weil wir 82.000.000 alle von den selben Spaßvögeln regiert werden? Weil „wir“ das Volk sind?

 

„Wir“ sind weder das Volk noch der Staat.

 

Der Staat ist ein Geflecht aus verschiedensten Behörden und Institutionen, die alle zunächst mal sich selbst erhalten wollen. Jeder einzelne Entscheidungsträger in einer öffentlichen Einrichtung wird sich im Zweifelsfall immer für sich und seine 150 Leute entscheiden, nicht für „das Volk“. Das ist einfach die menschliche Natur.

 

Der Staat, als Summe all dieser ihn vertretenden Entscheidungsträger, will Macht und Geld. Dafür braucht er Steuerzahler. Die er möglichst stark auspresst aber gleichzeitig möglichst wenig Widerstand provoziert. Da ist es ungemein hilfreich, wenn die Steuerzahler sich als Teil des Staates sehen. Dem Staat ist es gelungen, die Steuerzahler davon zu überzeugen, dass der Großteil seiner Steuern ihm letztlich selbst wieder zu gute kommt. Das mag stimmen oder nicht. So oder so rechtfertigt diese Zwang- und Abhängigkeitsbeziehung aber kein Wir-Gefühl – dafür wäre es erforderlich, dass ich tatsächlich mitentscheiden kann, was passiert. Kann ich aber nur indirekt, in dem ich alle 4 Jahre meine Stimme abgebe. Und dann ist sie weg. Wer hat denn das Gefühl, tatsächlich in seinem Interesse von der deutschen Regierung vertreten zu werden?

 

Es geht hier nicht um Politiker-Bashing, sondern einfach darum die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich bin den Politikern letztlich egal und sie mir auch. Das gilt in Konsequenz für den ganzen Staatsapparat. Natürlich finde ich es gut, wenn es befahrbare Straßen, ein Stromnetz und öffentliche Schulen gibt. Aber das macht diese schwarz-rot-goldene Maschine, deren Lack stellenweise schon ziemlich ab ist, nicht zu meinem Wir. Mein Wir sind meine Familie, meine Brüder, meine Freunde.