Es lebe der Tod

Wie viel ist dir ein Liter Wasser wert? Wahrscheinlich wenig, da es jederzeit praktisch unbegrenzt verfügbar ist. Aus der Leitung, in Flaschen, kein Problem.

 

Bei Hitze und Durst steigt der Wert, in Abhängigkeit von der Entfernung zum nächsten Wasserhahn, zum nächsten Supermarkt, zur nächsten Tankstelle. Dann sind wir plötzlich bereit, ein paar Euro für Wasser zu bezahlen. Und kurz vorm Tod durch Verdursten wäre ein Liter Wasser plötzlich unser ganzes Vermögen und Einkommen der Zukunft wert. Mehr Knappheit, mehr Wert.

 

Genau so ist es mit Lebenszeit. Wie wertvoll wäre ein Lebensjahr, wenn du noch 1000 Jahre leben würdest? Wie wertvoll wäre dieses Jahr, wenn du noch 50 hättest? Und wenn es dein letztes wäre?

 

Jeder kennt den Spruch "Lebe jeden Tag als ob es dein letzter wäre" - was auch als Rechtfertigung für blinden Hedonismus missverstanden werden kann. Und er ist einfach zu einem ausgelutschten Klischee verkommen. Positiv interpretiert ist die Botschaft sich den Wert jeden einzelnen Tages bewusst zu machen aber natürlich genau richtig. Zumal ein erfülltes Leben ja gewissermaßen nichts anderes als eine Kette von gut verbrachten Tagen ist. Kette, nicht Reihe, weil jeder Tag wie ein Kettenglied mit dem Vortag verbunden ist und wieder der Vortag für das nächste Kettenglied ist.

 

Jeder Tag baut also auf dem Vortag auf, und kleine Veränderungen Tag für Tag fortgeschrieben führen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Wir sind unsere Gewohnheiten. Wenn ich etwas will, muss ich meine Gewohnheiten, meinen Prozess, richtig einstellen und das gewünschte Ergebnis wird kommen. Bis es eine Gewohnheit ist und praktisch automatisch passiert, brauche ich dafür Disziplin. Siehe www.dasglueckisteinfreunddesstarken.de/2018/07/20/disziplin/

 

Und die Zeit dafür läuft ab. Die Zeit meine Gewohnheiten zu ändern, die Zeit meine Ziele zu erreichen, die Zeit mir über all das den Kopf zu zerbrechen. Und das ist gut so. Denn wenn ich diesen ultimativen Zeitdruck nicht hätte, der Sensenmann nicht seelenruhig warten würde, woher käme dann mein Antrieb? Warum sollte ich mich heute anstrengen, wenn ich ewig leben würde? C.N. Parkinson stellte schon 1955 fest, dass sich Arbeit genau in dem Maße ausdehnt, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht. Wenn wir unendlich Zeit hätten, würden wir also nie fertig werden.

 

Wäre das schlimm? Nein, denn wir hätten ja unendlich Zeit. Also wozu mit irgendwas fertig werden? Warum sich zusammenreißen, warum sich sinnvoll verhalten? Wir würden uns bloß noch gemäß unserer spontanen Impulse verhalten, nur nach dem Lust-Prinzip agieren. Aber auch das wäre egal, da wir ja unendlich Zeit hätten. Das mag für den ein oder anderen himmlisch klingen, ich glaube aber, dass man sich vor Bedeutungslosigkeit elendig langweilen würde. Und das eben für immer! Vielleicht erklärt das auch das teilweise recht bizarre Verhalten von Göttern, sei es der eine Gott im Christentum oder die vielen Götter in der nordischen Mythologie.

 

Der Punkt ist der: Nur durch unsere Sterblichkeit, nein, die Gewissheit zu sterben, hat unser Hier und Jetzt überhaupt eine Bedeutung, ist nicht nur ein unendlich kleines Kettenglied in einer unendlich langen Kette.

 

Es lebe der Tod.