Wer bist du?

 

Laut Statistischem Bundesamt haben sich im Jahr 2013 in Deutschland 2.627 Frauen und 7.449 Männer selbst getötet. Das Verhältnis scheint ziemlich konstant zu sein, wenn man sich die Daten anguckt. Kann man unter www.gbe-bund.de, dort nach Suizid suchen. Das bedeutet ja, dass jedes Jahr knapp dreimal so viele Männer wie Frauen Selbstmord begehen. Woran liegt das?

 

Bedeutet das, dass Männer statistisch gesehen in unserer Gesellschaft schlechter zurecht kommen, als Frauen? Vor ein paar Monaten habe ich auf dem Arbeitsweg eine Tramperin mitgenommen, die mir praktisch schon beim Einsteigen gesagt hat, dass sie Feministin ist und gegen die Unterdrückung der Frauen durchs Patriarchat kämpft. Die würde jetzt bestimmt sagen, dass die Statistik nur so aussieht, weil Männer einfach generell gewaltbereiter sind, auch gegenüber sich selbst. Man kann diskutieren, ob das vielleicht eine kleine Rolle spielt, aber bestimmt nicht den ganzen Unterschied damit erklären.

 

Vielleicht liegt es daran:

A woman simply is, but a man must first become. - Camille Paglia

 

Vielleicht hat es was mit diesem Becoming, diesem Werden in unserer Gesellschaft zu tun. Eine Gesellschaft, deren Kultur zu großen Teilen aus Konsum besteht nicht unwesentlich von Hollywood geprägt ist. Mir geht es um folgendes: In den meisten erfolgreichen Medien, egal ob Filme, Serien oder Spiele, ist das grundlegende Muster, dass ein Held, oder eine Gruppe von Helden, Widerstände überwindet, kämpft. Und das hat sich die moderne Unterhaltungsindustrie ja nicht ausgedacht, sondern war schon immer so - in alten Sagen, Mythologie und den Geschichten, die sich unsere Vorfahren am Lagerfeuer erzählt haben.

 

Heute können Menschen in Ländern wie Deutschland aber ihr ganzes Leben in Sicherheit auf der Couch verbringen, gekämpft wird nur noch auf dem Bildschirm. Das ist für die Lebenserwartung natürlich erstmal sehr positiv, ist nur doof, wenn man sich deswegen das ganze Leben lang unnütz fühlt. Würde es wirklich irgendeinen Unterschied machen, wenn du ab morgen nicht mehr zur Arbeit gehst? Ist jemand wirklich auf dich angewiesen? Was bist du, wer bist du, außer Konsument?

 

Ich mag meine Couch, und habe überhaupt nichts gegen gute Filme, Spiele oder Serien. Aber wenn ich mir vorstelle, das ganze Abenteuer, die ganze Spannung, das ganze Risiko in meinem Leben käme ab heute nur noch simuliert und digital, werde ich depressiv. Auf dem Bildschirm dürfen wir alle sein, was wir wollen, aber im echten Leben sind wir bitte brave Konsum-Drohnen. Für andere Leute arbeiten, anderer Leute Produkte kaufen, nicht aus der Reihe tanzen. Wie Jack Donovan in Becoming a Barbarian eindrücklich erklärt, ist das auch einer der Gründe, warum Toleranz heute so groß geschrieben wird. Wir sollen ja gegenüber jedem und allem tolerant sein. Aus Perspektive der Konsumkultur ja auch logisch, Ausgrenzung ist schlecht fürs Geschäft. Welches Unternehmen würde jemals bestimmten Gruppen von potentiellen Kunden seine Waren oder Dienstleistungen verwehren?

 

In unserer Gesellschaft gibt es keine Initiationsriten und niemand sitzt mehr zusammen ums Lagerfeuer und erzählt sich eigene Heldengeschichten. Es bleiben nur die simulierten Plastikabenteuer der Unterhaltungsindustrie und der Druck zu konsumieren. Wenn man im echten Leben bloß eine Drohne in der Matrix ist, ist Flucht in Cyberwelten gut verständlich. Bestimmt auch ein Grund für den Erfolg der Videospielindustrie - oder würdest du Geld für Games ausgeben, wenn du es für Abenteuer im echten Leben bräuchtest?

 

Menschen sind Rudeltiere, brauchen feste soziale Bindungen. Und wenn deine einzige feste Bindung die zu deinem Bildschirm ist, brauchst du dich nicht wundern, wenn es dir schlecht geht.

 

Das betrifft natürlich beide Geschlechter gleichermaßen, warum bringen sich also fast dreimal so viele Männer wie Frauen um?

 

Ich glaube, weil Männer eher den sozialen Anschluss verlieren als Frauen. Es gibt mehr männliche Häftlinge als weibliche. Es gibt mehr männliche Obdachlose als weibliche. Und, wahrscheinlich einer der größten Faktoren, mehr Männer bleiben ungewollt kinderlos als Frauen.

 

Sich umzubringen hat ja offensichtlich was damit zu tun, kein Sinn mehr im Leben zu sehen. Eigene Kinder sind da vermutlich eins der wirksamsten Gegengifte.

Ah, du suchst nach dem Sinn des Lebens? Cool, hier, nimm mal den Schreihals hier auf den Arm und kümmere dich mal kurz! Case closed.

 

Niemand kann auf Dauer glücklich nur für sich alleine leben. Nur andere Menschen können dir langfristig einen Lebenssinn geben.

Unsere Kultur sagt aber bloß: Geh arbeiten und konsumieren! Und wenn du nicht zufrieden bist, konsumiere etwas mehr, und wenn du dir das nicht leisten kannst, musst du etwas mehr arbeiten!

Auch die wildeste Konsumorgie kann jedoch nur ziemlich kurz über innere Leere hinwegtäuschen.

 

Am Ende des Tages können nur Sinn und Bedeutung dieses Loch schließen. Und Sinn und Bedeutung können dir nur andere Menschen geben.

 

Anhand von Soldaten ist auch gut erforscht und belegt, wie Männer unter extremen Bedingungen und ständiger Lebensgefahr psychisch stabil bleiben aber nach der Rückkehr ins Heimatland, aus ihrer Einheit heraus gelöst, massive Probleme bekommen. Oftmals wollen Soldaten bald nach der Rückkehr sogar wieder in den Einsatz, freiwillig wieder ihr Leben riskieren. Warum? Weil es, zumindest unmittelbar, einen Sinn hatte. Und dieser Sinn war das Leben der Gruppe. Das wird z.B. in Tribe von Sebastian Junger eindrucksvoll beschrieben.

 

Was heißt das jetzt alles?

Runter von der Couch, etwas sinnvolles tun und soziale Bindungen aufbauen und festigen.

Was ist sinnvoll? Weisst du schon längst, hast bloß Angst es zu tun.