Disziplin

Wie erreicht man praktisch jedes gegebene Ziel? In dem man es in viele kleine Teilziele zerlegt und diese diszipliniert abarbeitet. Motiviert ist auch gut, aber diszipliniert ist besser. Motivation kommt und geht, aber das Ziel bleibt. Es ist entweder erfüllt oder nicht. Motivation sorgt für die nötigen Arbeitsschritte, so lange das Ziel begeistert und fasziniert. Aber wenn Begeisterung und Faszination verblassen, das Ziel jedoch nicht erreicht ist - dann hilft nur Disziplin. Disziplin ist, wenn du keine Lust hast, aber trotzdem tust, was zu tun ist. Disziplin ist Selbstbeherrschung, über deinen Impulsen stehen, die Freiheit zu schaffen, was dir wirklich wichtig ist. Ohne Disziplin bleiben nur innere und äußere Impulse, du bleibst Spielball deiner Umstände. Disziplin ermöglicht dir, freien Willen zu entfalten, Dinge zu tun, die du wirklich tun willst, deine Gewohnheiten zu überwinden und deine Lebenszeit bewusst zu verbringen. Disziplin ist dein wichtigstes Werkzeug, um deine Ziele zu erreichen - diszipliniert zu sein ist somit ein Ziel an sich. Aber wie bekommt man Disziplin und wie kann man sie steigern?

 

Du kannst dich jeden Moment zu diszipliniertem Handeln entscheiden - oder zu undiszipliniertem. Du hast immer die Wahl. Also triff den Entschluss.

Und dann wiederholen und langsam Schwierigkeit erhöhen - wie bei jedem Training.

 

Du kannst beispielsweise damit anfangen, jeden Morgen einen Satz Liegestütz zu machen. Oder eine eiskalte Dusche nehmen. Oder eine halbe Stunde früher aufstehen und deinen Haushalt in Ordnung bringen. Der Punkt ist, dir selbst jeden Tag zu zeigen, dass du tust, was du dir vorgenommen hast. Dass du dich hundertprozentig auf dich verlassen kannst und dich keine Ausreden von deinem Weg abbringen. Das schafft Selbstvertrauen, womit du dir dann größere Ziele vornehmen kannst. Was nicht bedeutet, dass du dann nicht mehr jeden morgen deine Liegestütz machen brauchst. Diese täglichen kleinen Rituale sind für ein ganzes Leben, nicht nur für ein paar Monate gedacht. Wir sind, was wir wiederholt tun - und wenn du dich für Disziplin als deinen Weg entschieden hast, dann gilt das für immer. Niemand wird dich zwingen, und es wird Situationen geben, in denen Liegestütz oder kalte Dusche oder Haushalt machen oder was immer es ist, praktisch nicht möglich ist. Aber die meisten Tage ist es möglich, und wenn du dich selbst beobachtest, wirst du es nicht lange ertragen, dir bei Faulheit und Schwäche zuzusehen. Wenn deine innere Stimme dir sagt, dass du dich besser fühlen würdest, wenn du einfach deinen Arsch hochkriegen und tun würdest, was zu tun ist, dann beginnst du zu verstehen.

 

Disziplin ist das Wie, fehlt noch das Was und das Warum.

Disziplin ist das wichtigste Werkzeug zum Erreichen deiner Ziele, aber was sind deine Ziele und warum? Fehlgeleitete Disziplin kann schreckliche Auswirkungen haben, es ist entscheidend, wofür du deine Disziplin einsetzt. Du kannst daran arbeiten, die Dinge besser zu machen - oder schlechter, entweder oder. Es ist nicht egal was du mit deinem Leben anfängst. Wenn das nicht wahr wäre, wäre jedes Streben nach Verbesserung sinnlos, man könnte einfach auf der Couch liegen bleiben und sein Leben mit Pizza, Bier und Netflix verbringen. Nichts hätte Bedeutung. Aber es ist nicht egal. Es gibt richtig und falsch, gut und böse, wahr und unwahr. Und nein, das ist eben nicht alles subjektiv.

 

Aber wen interessiert es denn wenn ich mein Leben verschwende?

 

Wenn dich selbst das nicht genug interessiert, um deinen Arsch hochzukriegen, dann denk doch mal an all die Menschen, deren Leben du beeinflusst. Du bist entweder ein positiver oder ein negativer Einfluss, niemals neutral.

 

Aber ich schade doch niemandem mit der Verschwendung meines Lebens!

Doch, weil du somit ein weiteres Beispiel dafür setzt, dass es ok ist. Dass das genug ist. Dass das das Leben ist. Und damit beeinflusst du deine Mitmenschen, ob du willst oder nicht. Also strebe nach Verbesserung, mach die Dinge besser.

 

Frage dich, was du tun könntest, um die Dinge ein kleines bisschen besser zu machen.

Wenn du diese Frage ehrlich beantwortest, kommt vermutlich ein sehr lange Liste zusammen.

Dann frage dich, was von der Liste du auch wirklich tun würdest. Und dann tu genau das.

 

Das sagt und denkt sich leicht an einem guten Tag. Die Frage ist, was tust du an den schlechten Tagen? Wenn du dich vom Chaos des Lebens überwältigt fühlst und dich am liebsten unter der Bettdecke zusammen rollen möchtest. Gibst du auf, um Chaos und Unsicherheit in Zukunft möglichst aus dem Weg zu gehen, oder sammelst du dich nur kurz um dann wieder anzugreifen?

 

Das hängt von deinem Warum ab. Wozu sollst du wieder angreifen?

Ich bin froh, wenn es mir wieder besser geht und mich etwas erholt habe, wofür soll ich mich nochmal in die Schlacht stürzen? Ist es das wert? Verständliche Gedanken.

 

Es ist leicht, auf der Couch zu bleiben. Uns steht praktisch unbegrenzte Ablenkung zur Verfügung, das Angebot an Unterhaltungsmedien reicht für mehr als ein Leben. Also schleppst du dich zur Arbeit und lenkst dich in deiner Freizeit mit Netflix and chill von deinen Problemen ab. Ab und zu unternimmst du was mit deinen Freunden, wobei unternehmen saufen bedeutet.

 

Das kann man ein paar Jahre so machen, aber irgendwann wirst du denken, dass dir etwas im Leben fehlt und du kriegst tatsächlich mal den Arsch hoch und fängst etwas neues an. Aber dann tauchen die ersten Schwierigkeiten auf und du findest dich frustriert auf der Couch wieder. Auch das kann man ein paar mal so machen. Bis du von diesem Zyklus von motiviertem Neubeginn und frustriertem Aufgeben schon im Vorfeld so frustriert bist, dass du einfach gleich auf der Couch bleibst. Also bleibt es bei Arbeit, Ablenkung und gelegentlichem Feiern. So gehen die Jahre dahin und das war's dann im Großen und Ganzen.

 

Die Antwort darauf ist, Überraschung, Disziplin. Beim Auftreten von Schwierigkeiten kurz sammeln und wieder angreifen. Fehler analysieren, besser machen. Immer wieder von der Couch aufstehen.

 

Jaja, ich habs kapiert, aber wozu?

Ok, die bisher genannten Gründe reichen dir noch nicht. Was haben wir denn bisher etabliert?

 

1. Wenn du auf der Couch bleibst, wirst du dich nicht weiterentwickeln und dein Leben im wesentlichen mit fremdbestimmtem Handeln und Ablenkung verbringen.

 

2. Damit schädigst du nicht nur dich selbst, sondern signalisierst deiner Umwelt auch, dass es normal ist, so zu leben und erhöhst die Wahrscheinlichkeit, dass andere Menschen sich auch so verhalten.

 

Ok, verstanden, aber so what? Wir leben in einer Welt, in der so schreckliche Dinge passieren, in der gemordet, vergewaltigt, betrogen, belogen, die Umwelt zerstört, Tiere gequält, gemobbt und gestohlen wird, aber ich soll jetzt an mir arbeiten?

 

Meiner Meinung hast du an dieser Stelle zwei Möglichkeiten:

Du kannst erklären, dass die Welt böse und schlecht ist und es nicht verdient, dass du dich anstrengst - wofür du unendlich viele Argumente finden wirst. Allein jeder Medienbericht über ein missbrauchtes und ermordetes Kind zwingt die Frage auf, in was für einer gottlosen Welt wir leben. Oder die hunderte von Millionen Opfer der Genozide unter Josef Stalin, Mao Zedong, Adolf Hitler und Pol Pot im 20. Jahrhundert. Und auch in deinem persönlichen Erleben und deinem direkten Umfeld wird es zahllose Beispiele für menschliches Leiden geben - den Großteil kennst du wahrscheinlich noch nicht mal. Der Buddhismus sagt ja auch explizit: Leben ist Leiden. Und das Christentum symbolisiert den gleichen Gedanken durch das Kreuz. Es gibt nichts zu diskutieren, das Leben ist voller Elend und Sorge - und am Ende stirbst du.

 

Also warum überhaupt irgendetwas versuchen? Wie kann irgendetwas in so einer Welt es wert sein?

 

Oder du kannst erklären, dass du die Welt mit all ihren Fehlern so akzeptierst, wie sie ist und freien Willens, ohne naiv die Augen zu verschließen, all das menschliche Leid sehend, trotzdem weiter machst. Weil du verstehst, dass es dieses Trotzdem ist, was die Dinge besser macht. Dieses immer wieder aufstehen, dieses aus Trümmern Städte wieder aufbauen, dieses trotz Chernobyl und Holocaust Kinder kriegen, dieses trotz amputierten Gliedmaßen weiterleben, dieses trotz Mobbing und Zurückweisung wieder auf andere Menschen einlassen, dieses Trotzdem. Dieser menschliche Lebenswille. Dieser Wille, der Welt mit all ihrem Schlechten erhobenen Hauptes in die Augen zu sehen, zu erkennen, das da sowohl Chaos als auch Ordnung, sowohl Hass als auch Liebe sind und unbeirrt gelassen deinen Weg weiter zu gehen. Es ist diese Erklärung, die dich innerlich unabhängig von deinen Umständen macht und dir die Freiheit gibt, diszipliniert das Richtige zu tun.